Meinung
Deutschstunde

Es wird geduzt, als gäbe es kein Sie mehr

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Neben dem Schlips und dem Rasierapparat droht auch die Höflichkeitsanrede aus dem Alltag zu verschwinden.

Hamburg. Der Schlips ist abgeschafft, der Rasierapparat auch, und manche Leute gehen in einem Aufzug (oder sagen wir hier besser „Outfit“) zur Arbeit, ins Theater oder zu offiziellen Terminen, in dem sie früher nicht am Pförtner vorbeigekommen wären. In Mode sind angeschmuddelte
T-Shirts, olivgrüne Bundeswehr-Unterhemden und ein Haargekräusel zwischen Ohr und Kinn, das aussieht wie ein verunkrauteter Rasen nach langer Trockenheit. Die Pandemie mit ihren Homeoffices hat der Etikette zusätzlich geschadet, obwohl ich den Eindruck habe, dass sich die meisten besser gekleidet vor ihren Computer zu Hause am Wohnzimmertisch setzen als der schnaufende Mann, der durch den Supermarkt schlurft und beim Bücken seinen nackten, verschwitzten und wabbelnden Rücken präsentiert.

Es ist die Entscheidung jeder Firma, welchen Anblick sie ihren Kunden glaubt zumuten zu dürfen, aber es ist mein Ermessen als Gebührenzahler, von derartigen Erscheinungen auf dem Fernsehschirm abgestoßen zu sein. Ich habe etwas dagegen, in Großaufnahme die gekrümmten Haare auf den Kehlköpfen der Reporter, Korrespondenten, Moderatoren und neuerdings auch die der Wetterwahrsager zählen zu können. In dieser Umgebung wirkt Jens Riewa, der seine Anzüge offenbar passend zur Nachrichtenlage in der „Tagesschau“ aussucht und die Krawatten sorgfältig darauf abstimmt, wie ein Bild aus vergangenen Zeiten.

Die Konversation passt sich der legeren Kleiderordnung an

Im Zuge dieser Altkleiderverwertung scheint auch die Sprache zu leiden. Die Konversation passt sich der legeren Kleiderordnung an. Nicht nur der Schlips ist abgeschafft, auch das Sie gehört im Rundfunk und Fernsehen offenbar der Vergangenheit an – es sei denn, wir befänden uns im Salon der geschassten RBB-Intendantin, wenn sie in ihrer Privatwohnung ausgesuchten Gästen ausgesuchte Speisen auf Kosten der Gebührenzahler kredenzen lässt. Ansonsten wird geduzt, was die Sendezeit hergibt. Dass Kai Pflaume (wenn auch mit Schlips) seine Kandidaten und Kandidatinnen in einer Quizsendung duzt, mag ja noch angehen (Prominente unter sich); dass er jedoch jeder unbekannten älteren Dame aus dem Studiopublikum, die eine Zuschauerfrage beantwortet, das plump-vertrauliche Du an den Kopf wirft und die gesamte Unterhaltung mit dem Vornamen führt, ist ungehörig. Alexander Bommes, der jetzt am Vorabend seine Kandidaten fragt und jagen lässt, bleibt ihnen gegenüber stur beim Du, während er seine „Jäger“ siezt und bei Thomas Kinne, dem Gentleman mit dem Halstuch und dem zitronengelben Sakko, sogar nie den Doktortitel vergisst.

Falls im Verkehrsfunk ein Anrufer einen Stau meldet oder eine Hausfrau im Rundfunk­ ein Lied erkennt und einen Kaffee­becher mit dem Emblem des Senders gewinn­t, werden diese fremden Leute geduzt­, dass die Lautsprecher wackeln. Ich frage mich am Autoradio dann immer, ob ich dadurch in die Lifestyle-Gemeinschaft, die man jetzt wohl „Community“ nennt, hineingezwungen oder von ihr aus­geschlossen werden soll.

Die Höflichkeitsanrede „Sie“ kam im 18. Jahrhundert auf

Das „Sie“, die Anrede in der 3. Person Plural, wird nicht umsonst die Höflichkeitsanrede genannt. Sie drückt Respekt gegenüber allen erwachsenen Personen aus, mit denen man nicht verwandt oder eng befreundet ist. Schließlich hat es 1000 Jahre gedauert, bis es so weit war. Im Althochdeutschen lesen wir: Guaz gueten ger, herra (Was sagt Ihr, Herr?). Der höherstehende Herr wurde mit „Ihr“ (ger) angeredet, gewöhnliche Leute duzte man unabhängig davon, ob man sie kannte oder nicht: Gauathere, latz mer serte (Gevatterin, lass mich [Wort als nicht jugendfrei gestrichen]).

Die Höflichkeitsanrede „Sie“ kam im 18. Jahrhundert auf und verlor bald jeg­liche soziale Distanz. Dieses „Sie“ ist nicht mit dem „sie“ im Singular zu verwechseln, sondern leitet sich vom geschlechtsneu­tralen Plural ab. Es muss einschließlich der dazugehörenden besitzanzeigenden Fürwörter immer und überall großgeschrieben werden und erfordert selbst bei Einzelpersonen den Plural: Grüßen Sie Ihre Frau!

Wir leben in einer Zeit des Wandels, auch bei der Sprache. Trotzdem werde ich mich an das öffentlich-rechtliche Rudel-Duzen nicht gewöhnen.

deutschstunde@t-online.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung