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Deutschstunde

Einige Lehrer sitzen auf einem Vorrat an roter Tinte

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Darüber, weshalb der Tollpatsch mit zwei l geschrieben wird, obwohl er doch gar nichts mit toll zu tun hat, und wen das noch stört.

Hamburg. Wissen Sie, was ein Tollpatsch ist? Natürlich, ein ungeschickter Mensch, der schwerfällig durch die Gegend tollt und dabei womöglich noch einfältig um sich patscht. Alles spricht auf den ersten Blick dafür, dass der Tollpatsch zur Wortfamilie des Adjektivs „toll“ gehört, das bereits im Althochdeutschen „dumm und töricht“ bedeutete und später mit „getrübt, umnebelt, verwirrt“ erklärt wurde (was man besonders an den Rheinländern während der drei „tollen Tage“ beobachten kann).

Wir kennen die Tollheit, das Tollhaus und die Tollkirsche. Die Tollwut ist eine Zusammenrückung aus „tolle Wut“, und „tollkühn“ bedeutet „auf tolle Weise kühn“. Dennoch – unser Tollpatsch hat nichts mit dem Adjektiv „toll“ zu tun. Ein „Tolpatsch“ ist – wie in der vorigen Woche bereits kurz erklärt – ursprünglich ein ungarischer Fußsoldat, ein talpas, ein „Breitfüßiger“ (von ung. talp = Sohle).

Seit 1996 schreiben wir den „Tollpatsch“ mit Doppel-l

Im 17. Jahrhundert bekamen die ungarischen Infanteristen keine Schuhe, sondern befestigten sich Fußlappen mit Schnüren als Sohlen unter den nackten Füßen. Wenn die besser ausgestatteten Österreicher so einen ungarischen Soldaten unsicher auf den Beinen durch die Straßen wanken sahen, nannten sie ihn einen „Tolpatsch“ – und da es sich um die Eindeutschung des ungarischen „talpas“ handelte, natürlich mit nur einem „l“. Falls vor der Rechtschreibreform ein Schüler „toller Tolpatsch“ schreiben sollte, fiel es ihm schwer, zwischen einem und zwei „l“ zu unterscheiden. Ganz früher half zur Not eine Ohrfeige. Ohrfeigen im Unterricht sind heutzutage glücklicherweise verboten und in diesem Fall auch nicht mehr nötig. Seit 1996 schreiben wir den „Tollpatsch“ mit Doppel-l. Das bemängelten einige Leser in der letzten Woche. Wahrscheinlich handelt es sich um pensionierte Lehrer, die auf ihrem Vorrat an roter Tinte sitzen geblieben sind.

Ich will in dieser Kolumne möglichst den Rechtschreibfrieden wahren, aber um zu zeigen, was ist, ist es ab und zu angebracht, einen Blick darauf zu werfen, was war. Neben umfassenden Regeln wie die ss/ß-Auslautung oder die klare Bestimmung „Verb und Verb immer getrennt“ änderten die Reformer nicht nur beim Tollpatsch, sondern bei rund 40 Wörtern die Schreibweise, indem sie den Stamm oder die Analogie (Vergleichbarkeit) anpassten. Wir mussten uns zuerst daran gewöhnen, dass der „Stengel“ zum Stängel, die „Gemse“ zur Gämse und die „Greuel“ zu Gräueln geworden waren. Manch einer schnäuzte („schneuzte“) sich überschwänglich („überschwenglich“) und sah seine Gewohnheiten bedroht. Die deutsche Sprache ist jedoch so kompliziert, dass jede Vereinfachung ihre Akzeptanz nur erhöhen kann.

Wenn früher Väter oder Lehrer doch einmal zum Rohrstock griffen, um uns den Hintern zu versohlen, war dieser Körperteil hinterher unter Umständen blau. Heißen die zugehörigen Verben demnach „verbläuen“ und „einbläuen“? Heute ja, damals nein. Mit den blauen Flecken, auf die die Schreibweise umgangssprachlich bezogen werden könnte, hatte diese Tätigkeit nichts zu tun. „verbleuen“ kommt vom ahd. bliuwan (schlagen) und wurde deshalb früher mit „e“ geschrieben. Zu Recht angeglichen hat man die nicht angepassten Schreibweisen „mit Nummern numerieren“, „auf dem Platz plazieren“ oder den „Tip auf dem Tippschein“.

Warum der Alptraum zum Albtraum wurde

Jetzt schreiben wir nummerieren, platzieren und Tipp. Als Kind dachte ich immer, bei einem „Alptraum“ laste ein ganzes Gebirge auf der Brust. Dabei kommt der Ausdruck von dem Alb, einem Naturgeist, der einen solchen „Albtraum“ hervorruft, und nicht von den Alpen.

Als wenn es nichts Wichtigeres gegeben hätte, wurde die Änderung von „belemmert“ in „belämmert“ von den Reformgegnern zum orthografischen Weltuntergang hochstilisiert. Schließlich stamme die Schreibweise mit „e“ vom niederdeutschen Verb „belemmeren“ (hindern, lähmen) und nicht etwa von den Lämmern, die auf der Weide ständen und belämmert nach der Mutter blökten.

Sicher, diese etymologische Erklärung ist Allgemeingut ...! Wir werden Klein Fritzchen erst in ein altsächsisches Pro­seminar schicken, damit er die Schulreife für die 1. Klasse erlangt. Belämmert, in der Tat!

deutschstunde@t-online.de

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