Meinung
Hamburger KritIKEN

„das goethe“ – eine Kulturnation auf Abwegen

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt.

Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt.

Foto: Andreas Laible

Weltbekanntes Institut möchte ein aktuelles Deutschlandbild vermitteln – aber in welchem Land ist es zu Hause?

Hamburg. Vermutlich ist die Bahn mal wieder schuld. Ich saß am späten Abend, wohl zu der halben Nacht, am Bremer Hauptbahnhof. Mein Zug hatte die üblichen 52 Minuten Verspätung – eine Normalität, die hierzulande niemanden mehr aufregt, Italienern aber vermutlich die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Meine Lieblingswochenzeitung mit den vier Buchstaben hatte ich ausgelesen, als mir eine Beilage in die Hände fiel. Die Aufmachung war seltsam, der Titel „das goethe“ noch seltsamer – am seltsamsten aber war der Inhalt.

Sollten Sie „das goethe“ nicht kennen – es handelt sich um das „Kulturmagazin“ des Goethe-Instituts, dieser großen Institution, die seit 71 Jahren für die deutsche Sprache werben soll. Inzwischen sind mit dem kulturellen Austausch („Dialog der Hemisphären“) und der Vermittlung eines aktuellen Deutschlandbildes weitere Aufgaben hinzugekommen. Das etwas großspurige „Kulturmagazin“ 1/2022 dreht sich um ein aktuelles Thema – den Feminismus, der hier lieber im Plural Feminismen daherkommt. In Zeiten der atomisierten Gesellschaft kommt man wohl nur noch in der Mehrzahl weiter.

Schreibweise erinnert an „Fack ju Göhte“

In dem Vorwort, in dem die Präsidentin und der Generalsekretär des Goethe-In­stituts die Bundesaußenministerin hoch- leben lassen (Funfact: 70 Prozent der Erträge des Instituts kommen vom Auswärtigen Amt), werden die Leser eingeladen zu schreiben, wie uns „das goethe“ gefällt.

Abgesehen davon, dass die kleine Schreibweise an die begriffsstutzigen Schüler der etwas populäreren Filmtrilogie „Fack ju Göhte“ erinnert, dürfte der deutsche Dichterfürst im Grabe rotieren, wenn er lesen müsste, was da in seinem Namen geschrieben steht. Die Genderei („Ärzt*innen“ oder „Feminist*innen“) gehört ja inzwischen zum schlechten Ton, wenn man respektive frau moderne Gesinnung präsentieren möchte. Oder wie es in „goethe“ heißt: „Gendern bedeutet, niemanden zu exkludieren.“

Gedanke an Satire kommt auf

Sätze wie Ungetüme („Cadral Madras nehmen Platz ein mit ihrer Message der Selbstermächtigung und der weiblichen Kraft - ohne dafür das Sujet des Hip-Hops zu verlassen.“), Berge von Anglizismen und Gebirge von Fachbegriffen ziehen sich durch das „Kulturmagazin“ – manchmal denkt man, es handele sich um Satire. Aber das Geschwurbel ist ernst gemeint – drolligerweise gefördert von Würth aus Künzelsau-Gaisbach. Ich dachte immer, dort dreht sich alles um Montage- und Befestigungstechnik, offenbar hat man aber auch dort eine kleine Schraube locker. Ein weiterer Finanzier der Beilage ist Bertelsmann, die sich schon lange um die deutsche Kultur verdient gemacht haben – mit Formaten wie „Dschungelcamp“, „Bauer sucht Frau“, „Big Brother“ oder „Der Bachelor“. Klar, bei RTL kennt man sich mit Feminismen verdammt gut aus,

Nun bin ich schon qua Geschlecht kein geborener Feminismus-Experte – deshalb habe ich vor dieser bitterbösen Kolumne vorsichtshalber meine Frau gefragt, die über die Frauenbewegung promoviert hat. Leider gab es auch von ihr keine Geschlechtersolidarität für „das goethe“. Es ist ein Heft geworden, das Journalisten eben so machen, wenn sie kein bisschen mehr an ihre Leser denken müssen und ganz in den Untiefen der Identitätspolitik versinken.

Feminismus hätte mehr Gehör verdient

Dabei hätte das Thema Feminismus viel mehr Gehör verdient. Wo stehen wir im Jahr 2022, wo in der Ukraine Männer wieder zum Kämpfen gezwungen werden und nur noch Frauen und Kinder ausreisen dürfen? Wo kommen wir hin, wenn im Trash-TV bei „Germany’s Next Topmodel“ ein Frauenbild der 50er-Jahre präsentiert wird oder in manchen migrantischen und nicht migrantischen Gruppen einem Frauenbild des 19. Jahrhunderts gefrönt wird? Und wie sehr hat die Pandemie Frauen zurück ins Heim und an den Herd festgetackert, weil man deutschlandweit mehr als 20 Wochen die Schulen schloss?

Diese Fragen sollte Deutschland diskutieren. „Das goethe“ diskutiert lieber den männlichen Blick auf Dinge, das typografische Gendern und eine queere Hip-Hop-Band aus Kanada. Und dann gibt es noch die traditionelle Breitseite gegen den polnischen Katholizismus – da ist ja auch mal ein bisschen Hassrede erlaubt. Der letzte Satz in dem Heft von einer „Blacktivistin“ klingt programmatisch: „Alice-Schwarzer-Feminismus dagegen, von Xeno- und Transphobie durchsetzt, hat keine Zukunft.“ Noch besser wäre, wenn das steuerfinanzierte Goethe-Institut diesem „goethe“ keine Zukunft gäbe.

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