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Als der Nordpol nach Nürnberg verlegt wurde

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Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen schreibt im Abendblatt wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Mails bitte an deutschstunde@t-online.de.

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Foto: dpa/ Klaus Bodig

In der Buchstabiertafel werden einige Vornamen gestrichen und durch Städtenamen ersetzt. „S wie Salzwedel“ gerät dabei zur Quiz-Frage.

Hamburg. Wenn ich das Wort „Nordpol“ höre, dann denke ich – jahrelang mit den grünen Parolen gefüttert – an schmelzendes Eis, Öllachen, durch die sich die Eis­bären mit letzter Kraft kämpfen, bis ihr Fell nicht mehr weiß, sondern triefend schwarz ist, an verwesende Robben und an Vögel, die nach Futter schreien.

Für die Nationalsozialisten war der Nordpol hingegen ein reiner Ort, von dem die Arier stammten, die angeblich überlegenen Herrenmenschen, selbst wenn sie wie Joseph Goebbels einen Klumpfuß hatten und wie Adolf Hitler seine Tagebücher posthum vom „Stern“ schreiben lassen mussten.

Deutschstunde: „Nordpol“ als Nazi-Ausdruck

Die Nazis setzten 1934 den Nordpol als Vollwort für das N in die Buchstabiertafel. „N wie Nordpol“ klingt auf den ersten Blick neutral, und ich bekenne, bis heute so diktiert und am Telefon buchstabiert zu haben, obwohl das einzig Braune an mir vor 1945 meine Windeln waren.

Auf die Erklärung, dass der Nordpol NS-Ideologie sei, muss man erst einmal kommen. Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume kam 77 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches darauf und verlangte, den Namen „Nathan“ zurückzuholen, der in der Fassung während der Weimarer Republik für das N dort stand.

Entnazifizierung der Buchstabiertafel

Die Nazis hatten alle jüdischen Namen entfernt, weshalb zum Beispiel Samuel dem blonden Germanen Siegfried weichen musste. Der Beauftragte, der wahrscheinlich einen Arbeitsnachweis benötigte, forderte allen Ernstes, unterstützt vom Zentralrat der Juden, im Jahre 2022 die Entnazifizierung der Buchstabiertafel.

Die Tafel ist Teil der DIN 5009 („Deutsche Industrie-Norm“) und wird vom Deutschen Institut für Normung e. V. in Berlin gepflegt. Die Damen und Herren, die dort zusammentrafen, diskutierten über Jahre und kamen zum Ergebnis, dass weder germanische noch jüdische Vornamen geeignet seien. Also reifte der Entschluss, die Buchstaben mit Städtenamen zu belegen, angeregt von den Autokennzeichen wie „F für Frankfurt“. Das klingt einfach, birgt aber einige Fallen.

Vorsicht mit den Assoziationen

Das N mutierte von Nathan über Nordpol ausgerechnet zu Nürnberg. Alle geografischen Namen wecken persönliche Assoziationen. Wenn schon aus dem Nordpol die Hakenkreuze purzeln sollten, so denkt mancher bei Nürnberg erst recht an die Rassengesetze, an die Reichsparteitage, an Leni Riefenstahl und an die Nürnberger Prozesse nach dem Krieg sowie an den herausragenden Film „Das Urteil von Nürnberg“ mit Spencer Tracy und Burt Lancaster, der wie kein zweiter die Vergangenheit der Stadt aufdeckt. Nürnberg ist eigentlich nicht geeignet, die Verbrechen an den Juden zu befrieden.

Auch bei anderen Buchstaben hakte es. „Ö wie Ödipus“ ist zwar orthografisch einleuchtend, doch hätte unter Umständen eine queere Auseinandersetzung gedroht bei einem Mann, der seinen Vater erschlug und seine Mutter schwängerte. Xanthippe, die schon von ihrem Mann Sokrates als zänkisches Weib verleumdet worden war, musste dringend vor weiterer Diskriminierung geschützt werden. Deshalb heißt es jetzt „X wie Xanten“.

Viel zu beachten bei der Wortwahl

Auch Augsburg flog im letzten Augenblick hinaus, weil irgendein pensionierter Oberstudienrat bemängelte, dass Augsburg nicht mit einem „A“, sondern mit dem Diphthong (Doppelvokal) „Au“ beginne. Deshalb bekam Aachen die Ehre, wider den tierischen Ernst das A repräsentieren zu dürfen. Stuttgart scheiterte – nein, nicht in der Fußball-Bundesliga, aber bei der Buchstabiertabelle. Ein anderer Teilnehmer der Runde stellte fest, dass „Stuttgart“ mit einer Ligatur (Buchstabenverbindung) beginne. Also heißt es jetzt „S wie Salzwedel“. Diese kreative Meisterleistung ist es wert, als Frage bei Kai Pflaume in „Wer weiß denn sowas?“ benutzt zu werden.

Das Ü rutschte von „Überfluss“ (Goldene Zwanziger) über „Übel“ (NS) zu „Übermut“ (Wirtschaftswunder). Wer nun einen Städtenamen wie Überlingen oder so ähnlich erwartet, sieht sich enttäuscht. Das Ü wird jetzt als „Umlaut Unna“ aufgerufen, und „Zacharias“ ist vom „Zeppelin“ zu „Zwickau“ gereist. Nehmen wir das als Solidaritätsbeitrag für die neuen Bundesländer.

deutschstunde@t-online.de

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