Meinung
Leitartikel

Corona-Maske tragen ohne sozialen Druck

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Insa Gall leitet das Hamburg-Ressort des Abendblatts.

Insa Gall leitet das Hamburg-Ressort des Abendblatts.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Wer sich weiterhin gegen Corona schützt, sollte nicht belächelt oder kritisiert werden.

Hamburg. Fast über Nacht scheint die Pandemie vorbei zu sein. Mehr als zwei Jahre lang beherrschte Corona unser Denken und Handeln wie kein anderes Thema. Die Regeln änderten sich immer wieder aufs Neue, die Politik stritt und wir alle wurden zu Hobby-Virologen, die mit Fachwörtern jonglierten, von denen wir bis zum Februar 2020 noch nie etwas gehört hatten. Der tägliche Blick auf die aktuellen Zahlen – Neuinfektionen, Inzidenz und Krankenhausbelegung – wurde uns ebenso selbstverständlich wie die Kon­trolle des Wetterberichts.

Was bleibt, ist die Unsicherheit

Das fand mit dem Auslaufen der allermeisten Corona-Maßnahmen ein abruptes Ende. Es ist, als habe man beschlossen, dass die Pandemie nun endlich einmal Geschichte sein muss – und damit war sie es dann auch, zumindest in den allermeisten Köpfen. Allein dieser Beschluss hat für die Menschen eine neue Normalität geschaffen. Masken? Abstand? War da mal was?

Auch wenn es scheint, als hätten wir die Pandemie mit schierer Willenskraft beendet: Was bleibt, jedenfalls bei einigen, ist die Unsicherheit. Wer auch jetzt noch vorsichtig ist, wird immer häufiger scheel angeschaut oder bestenfalls belächelt. Ach so, du hast noch nicht mitbekommen, dass die Pandemie vorbei ist?

Menschen kommen einem wieder mit ausgestreckter Hand entgegen

Wir gehen wieder auf Konzerte, Partys und Großveranstaltungen – das haben wir in all den vielen Monaten ja auch so schmerzlich vermisst. 800 Menschen versammeln sich in einem Saal, 1000 gehen zu einem Fest – und praktisch niemand trägt mehr eine Maske oder hält Distanz. Muss man ja auch nicht. Aber man darf es und kann es auch, zumindest wenn man ausreichend Willensstärke mitbringt. Denn dabei muss man aushalten, von allen anderen mitleidig angeschaut zu werden. Ich bekenne, dass auch ich das nur eine Viertelstunde durchgehalten und dann die Maske verschämt abgesetzt habe. Mit einem schlechten Gefühl.

Ähnlich sieht es beim Handschlag aus, den wir uns schon endgültig abgewöhnt zu haben schienen. Doch weit gefehlt: Menschen, die man durchaus gern mag, kommen einem wieder mit ausgestreckter Hand entgegen – selbst Politiker, die sich immer dem Team Vorsicht zugerechnet haben. Da würde es schon reichlich unfreundlich wirken, wollte man die ausgestreckte Hand nicht ergreifen.

Kein sozialer Druck auf diejenigen, die weiter Maske tragen

Klar: Maske tragen und Abstand halten sind keine Pflicht mehr. Und das mag auch gut so sein. Aber was, wenn man es noch nicht aufgeben möchte? Ich habe zwar angesichts der eher milden Omi­kron-Verläufe keine Angst mehr davor, mich anzustecken – aber ich möchte es deutlich lieber nicht. Weil ich eben auch Fälle kenne, in denen der Verlauf keineswegs so mild war, trotz Boosterimpfung. Weil ich auf Long Covid erst recht gut verzichten kann. Weil ich demnächst in den Urlaub fahren will. Und vor allem, weil ich auf keinen Fall besonders gefährdete Menschen anstecken möchte, wie beispielsweise meine Eltern.

Dieses ist kein Plädoyer dafür, all die Corona-Regeln, derer wir so leid geworden sind, wieder einzuführen. Auch haben wir gelernt, dass wir Freiheiten – wenn sie sich uns bieten – genießen sollten, schon mit Blick auf Herbst und Winter und was dann noch kommen mag. Aber sozialen Druck auf diejenigen, die weiter Maske tragen oder Abstand halten wollen – egal, ob im Supermarkt, auf Festen oder im Theater – , darf es nicht geben. Die Regelungen bieten den Spielraum dafür, dass jeder sich so schützen kann vor dem Virus, wie sie oder er es für richtig hält – auch ohne scheele Blicke zu ernten.

Während ich diese Zeilen schreibe, meldet sich rot meine Corona-Warn-App. Ich hatte eine Risikobegegnung vor ein paar Tagen, als ich im Theater war. Gut, dass ich meine Maske dort nicht abgelegt habe.

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