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Warum sich Katar die Dauerkritik gefallen lassen muss

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Kai Schiller ist Chefreporter Sport beim Hamburger Abendblatt.

Kai Schiller ist Chefreporter Sport beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible

Schon Russland und sogar Brasilien standen vor der Fußball-WM im Fokus. Doch auch die Medien sollten sich selbst hinterfragen.

Darf man sich auf diese Weltmeisterschaft freuen? Diese Frage stellt man sich zwangsläufig, wenn man in der Woche vor der Auslosung nach Katar reist, um mit der Vorberichterstattung auf diese WM so richtig zu beginnen. Man spricht mit Fußballern, Trainern, Verantwortlichen und Organisatoren, aber auch mit Taxifahrern, Arbeitern, Menschenrechtsorganisationen und Frauenrechtlerinnen. Und das Bild, das man knapp acht Monate vor der WM erhält, ist natürlich nicht vollständig – aber man hat zumindest den Eindruck, dass man sich mit jedem Gespräch der gefühlten Wahrheit annähert.

Obwohl die Weltmeisterschaft im Mittleren Osten wahrscheinlich das am meisten kritisierte Großereignis der Welt ist, gab es auch bei den vorherigen Weltmeisterschaften meistens viele kritische Stimmen – allerdings in der Regel nur so lange, bis der erste Ball rollte. 2014 war ich drei Monate in Brasilien, habe vor der WM über Polizeigewalt in Rio de Janeiro berichtet, über weiße Elefanten im Amazonas-Dschungel, über Korruption und über die unglaubliche Macht der Fifa. Dann ging das Turnier los, die Stimmung war fantastisch, die Begeisterung groß, und Mario Götze nahm diese eine Flanke von André Schürrle perfekt mit der Brust an und erzielte das Tor seines Lebens. Acht Jahre später sagt jeder, der im Sommer 2014 dabei gewesen ist, dass es die schönste WM aller Zeiten war.

Auch Brasilien und Russland wurden vor dem Start kritisiert

Ähnlich war es vier Jahre später in Russland. Auch dort war die Kritik vor dem Beginn der Weltmeisterschaft groß. Als Reporter durfte ich insgesamt vier Wochen durch das Land reisen, bin zusammen mit drei Russen im Schlafabteil 44 Stunden von Sotschi bis nach Rostow gefahren, habe Oppositionelle getroffen, in Samara mit Volunteers über Putin diskutiert und eine große Reportage über Schwule in Moskau gemacht. Dann begann erneut das Turnier, der Fußball (mit Ausnahme der Deutschen) war großartig, es wurde über Neymar und seine Schwalben diskutiert und die mutig aufspielenden Gastgeber bewundert. Auch die beeindruckende Gastfreundschaft war ein großes Thema – und das alles vier Jahre nachdem dieser ach so tolle Gastgeber die Krim annektiert hatte.

Nun, weitere vier Jahre später, also Katar. 1200 internationale Medienvertreter sind bei der Auslosung an diesem Freitag in Doha akkreditiert. Und während Journalisten aus Südamerika, Afrika und Asien sich mit staunenden Augen die neue Metro zeigen lassen, fröhlich WM-Chef Nasser Al Khater bei der Countdown-Uhr treffen und am Donnerstagnachmittag sogar mit Fifa-Chef Gianni Infantino in der Aspire Academy Fußball spielen, sind es vor allem die Medienvertreter aus Deutschland, England, Nordeuropa und den USA, die im Dauerkritik-Modus sind.

Viele europäische Medien gucken genau hin

Kaum ein Gespräch, in dem nicht die Bedingungen der Arbeiter, Frauenrechte oder die Situation der LGBTQ-Gemeinschaft hinterfragt werden. Besonders Deutschland wird in Katar und auch bei der Fifa als Nation der Obernörgler wahrgenommen. Ob die andauernde Hinterfragerei auch nach dem ersten Anstoß am 21. November noch anhält, wird abzuwarten sein. Um es aber ganz klar und deutlich zu betonen: Es wäre wünschenswert.

Denn auch als Medienvertreter sollte man sich selbst kritisch hinterfragen, ob man sich durch das Spektakel Fußball nicht vom Wesentlichen ablenken lässt. Und in einer immer komplizierteren Welt, in der auch Deutschland morgen sehr gerne mit den Menschenrechtsfeinden von gestern wichtige Geschäfte machen will, Gas importieren möchte und Energieverträge unterschrieben werden sollen, bleibt das Wesentliche trotz der schönsten Nebensache der Welt, nun ja, das Wesentliche.

Darf man sich also am Tag der WM-Auslosung auf das Turnier, das schon bald so richtig losgeht, freuen? Ja, das darf man. Und genauso darf, soll und muss man weiterhin kritische Fragen stellen. Die Fifa muss das aushalten. Genauso Gastgeber Katar, wenn man wirklich in Zukunft noch enger miteinander zusammenarbeiten will. Das Spektakel möge beginnen.

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