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Welche Reformen die olympische Idee retten können

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Björn Jensen ist Chefreporter im Sportressort – und freut sich trotz allem auf die Spiele.

Björn Jensen ist Chefreporter im Sportressort – und freut sich trotz allem auf die Spiele.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Die Politik lässt die Aktiven in Peking mit Problemen allein. Stattdessen bräuchte der olympische Gedanke die Rückendeckung aller.

Moritz Müller hat in dieser Woche der Deutschen Presse-Agentur ein bemerkenswertes Interview gegeben. „Heuchlerisch“ nannte der 35 Jahre alte Kapitän der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft die Diskussionen um einen sportlichen Boykott der Olympischen Winterspiele, die an diesem Freitag in Peking beginnen. Den politischen Bannstrahl einiger westlicher Nationen empfindet er als „reine Show“. Und liegt mit beidem vollkommen richtig.

Nichts anderes als ein feiges Weg­ducken ist es, wenn Politikerinnen und Politiker öffentlichkeitswirksam auf die China-Reise verzichten, anstatt gerade jetzt Zeichen zu setzen und denen, die ihr Land als Botschafter in Sportkleidung vertreten, vor Ort den Rücken zu stärken. Glaubhaft wäre ein politischer Boykott nur, wenn ab sofort jegliche Gespräche mit China eingestellt und keinerlei Geschäfte mehr mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt abgeschlossen würden. Aber da Fressen vor der Moral kommt, werden die USA, Japan und auch Deutschland weiterhin zu den wichtigsten sechs Handelspartnern des Reichs der Mitte gehören.

Olympische Spiele sind für Sportler Existenzgrundlage

Wer angesichts dessen ernsthaft von den Aktiven erwartet, die Spiele als Zeichen der Ablehnung zu boykottieren, hat nicht verstanden, dass der ganz überwiegende Teil von ihnen diese alle vier Jahre stattfindende Weltmesse des Leistungssports als Existenzgrundlage braucht. Von Olympia werden nicht nur ganz entscheidend die persönlichen Einnahmequellen gespeist, es hängen auch Fördermittel vom sportlichen Abschneiden ab, die das Wohl und Wehe ganzer Sportverbände betreffen.

Bei klarem Verstand betrachtet war die Vergabe von Winterspielen an eine Region, in der kaum Schnee fällt und die im Wintersport keine Rolle spielt, aberwitzig. Dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit der Auswahl des Gastgebers seine eigene Agenda in puncto Nachhaltigkeit und Bekämpfung von Gigantismus ad absurdum führt, ist ein weiterer Punkt, der wütend macht. Ganz zu schweigen von den ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzungen in China, die von der Unterdrückung und Misshandlung ethnischer oder politischer Minderheiten über die Einschränkung von Grundrechten seiner Bürger mit dem Ausspionieren ausländischer Gäste mittlerweile auch die Sportlerinnen und Sportler oder Berichterstattenden erreicht haben.

Das hohe Ross der moralischen Überlegenheit

Ein Stück weit greift die – insbesondere vom hohen deutschen Ross der moralischen Überlegenheit geäußerte – Kritik an der Vergabe aber auch ins Leere. In manchen Teilen der Welt hat man mit Chinas Gebaren weniger Probleme als mit der als übergriffig empfundenen Arroganz westlicher Demokratien. Und wer die Bilder vom Sturm auf das Kapitol vor Augen hat, dem sollte Böses schwanen bei dem Gedanken daran, dass der Präsident der USA Donald Trump heißen könnte, wenn Los Angeles die Welt im Jahr 2028 zu Olympischen Sommerspielen begrüßt.

Dass all diese Diskussionen aber auf dem Rücken derer geführt werden, die im Mittelpunkt stehen und viele Millionen Menschen mit ihren Höchstleistungen erfreuen sollen, ist in hohem Maße ungerecht – und unterstreicht umso mehr den olympischen Reformbedarf. Es braucht ein IOC, das aufhört, die politischen Dimensionen seiner Entscheidungen kleinzureden, anstatt von Neutralität zu faseln; das es ernst meint mit der Umsetzung seiner Agenda; und das die olympischen Ideale dem wirtschaftlichen Profit voranstellt. Es bedarf einer viel stärkeren Einbindung der Aktiven in die Vergabe der Spiele. Und es muss ein Weg gefunden werden, die materielle Bedeutung einer Olympiateilnahme so zu begrenzen, dass eine freie Gewissensentscheidung darüber möglich wird.

Die ganze Welt braucht den olympischen Gedanken

Wer braucht noch dieses Olympia? Diese Frage hat jüngst eine ARD-Doku über Peking aufgeworfen. Die Antwort ist heute dieselbe wie gestern und morgen: Die ganze Welt braucht den olympischen Gedanken vom Treffen der Welt, bei dem Teilnehmen wichtiger ist als Siegen, nach der Pandemie mehr denn je. Aber er muss gelebt werden, anstatt ihn Profitgier, Größenwahn oder Propagandazwecken zu opfern. Ansonsten läuft Olympia Gefahr, überflüssig zu werden.

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