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Ein Fest der Völker im Einparteien-Staat

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Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

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Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Erst Sotschi, dann Peking: Olympische Spiele fühlen sich bei Autokraten besonders wohl. Das ist auch unsere Schuld.

Hamburg. Wie lange müssen wir noch auf Olympische Winterspiele bei den Taliban in Kabul warten? Und wann darf Nordkoreas Diktator Kim die Jugend der Welt in Pjöngjang zu Sommerspielen begrüßen? Das hätte eine gewissen Logik. Oder wie kommt das IOC ausgerechnet darauf, Winterspiele in die chinesische Hauptstadt zu vergeben?

Gut, Berge gibt es dort, aber dummerweise keinen Niederschlag. Die Wetterstatistiken weisen für Dezember und Januar null Schneetage aus und einen Niederschlag von 2,7 beziehungsweise 2,8 Millimeter. Das ist unwesentlich mehr, als in der benachbarten Wüste Gobi fällt. Aber das Gute: In China gibt es keine aufmüpfigen Umweltschützer, die sich darüber beklagen, dass die Skigebiete rücksichtslos in die Berge und Wälder des Nationalparks gefräst wurden.

Schwere Unruhen in Kasachstan

Das Fest der Völker fand in den vergangenen Jahren oft bei Despoten statt – 2014 lud der freundliche russische Präsident Wladimir Putin die Welt nach Sotschi ein. Seine Truppen besetzten die Krim, als das Olympische Feuer kaum erloschen war. Wer glaubt, dass die Olympische Idee die Flamme von Frieden und Freundschaft in die Gastländer trägt, sollte sich noch einmal mit Berlin 1936 befassen – die Nazis erfanden übrigens auch den olympischen Fackellauf.

Immerhin ein Argument spricht nun für Peking – die einzige Alternative hieß Almaty in Kasachstan. Dort brachen zuletzt schwere Unruhen aus, bei denen Demonstranten von Regierungstruppen niedergeschossen wurden. Mindestens 225 Menschen kamen ums Leben.

Vergabe erfolgt nach seltsamen Kriterien

Die Vergabe der Olympischen Spiele erfolgt seit Jahrzehnten nach seltsamen Kriterien – da ähneln sich Sommer- wie Winterspiele: 1996 etwa fanden die Jubiläumswettkämpfe nicht, wie erwartet worden war, in Athen statt, sondern in Atlanta. Was die US-Metropole attraktiver machte als den Geburtsort der Olympischen Idee? Der Hauptsponsor Coca-Cola. Mit viel Rückenwind des IOC bekam Peking die Sommerspiele 2008.

Manche wunderten sich, dass die Winterspiele 2006 an Turin und nicht in das favorisierte Sion in der Schweiz gingen. Damals mutmaßten Beobachter, es könnte an dem Schweizer IOC-Mitglied gelegen haben, das maßgeblich zur Aufklärung der Schmiergeldzahlungen bei der Vergabe der Spiele an Salt Lake City beigetragen hatte. 1995 hatte die US-Stadt die Winterspiele 2002 gewonnen – für viel Geld und einige gute Worte. Mindestens 24 IOC-Mitglieder hatten sich vom Bewerbungskomitee der Stadt am Salzsee schmieren lassen. Auch wenn das IOC seitdem Reformen angestoßen hat, bleibt der Ruf gründlich ruiniert.

Ein anderes Konzept muss her

Es ist ein Teufelskreis: Je demokratischer eine Gesellschaft, desto lust-, ja aussichtsloser ist inzwischen eine Bewerbung. Je diktatorischer hingegen regiert wird, desto reibungsloser laufen Bewerbung und Organisation der Spiele. Aber wollen wir das wirklich? Soll aus der bunten Sport-Internationale ein nationalistisches Schaulaufen für Potentaten werden? Haben die Sportler verdient, dass ihre Höchstleistungen, ihr Engagement zu einem Randaspekt auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten und Kommerzinteressen wird?

Wer es ernst und gut mit der wunderbaren Idee der Olympischen Spiele meint, müsste jetzt ein anderes Konzept wagen. Leider haben die Deutschen sich dieser Chance gleich zweimal beraubt: Die Münchner wollten die Spiele 2018 austragen und wurden sogar Zweiter – unterlagen nur dem weltbekannten Wintersportort Pyeongchang im Taebaek-Gebirge. Eine weitere, aussichtsreiche Bewerbung verhinderten die Bürger: In allen vier Volksentscheiden in München, Garmisch-Partenkirchen sowie den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden stimmte die Bevölkerung 2013 gegen eine Bewerbung.

Hamburg wollte 2012 Gastgeber werden

Die Hamburger hatten Gastgeber der Spiele 2012 werden wollen. Sie scheiterten in letzter Minute am schönen Cellospiel des damaligen Leipziger Oberbürgermeisters Wolfgang Tiefensee. Der überzeugte die deutschen Sportfunktionäre – aber nicht das IOC. Die Bewerbung Leipzigs wurde nicht einmal zugelassen. Ein weiterer Versuch Hamburgs für 2024 scheiterte im November 2015 am Kleinmut von 51,6 Prozent der Bürger.

Inzwischen werden die Spiele mangels Bewerber meist direkt vergeben – 2028 nach Los Angeles, 2032 nach Brisbane. Hamburg und München hätten gute Chancen auf einen Neustart von Olympia gehabt – und ihn nicht genutzt. Peking freut sich.

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