Meinung
Leitartikel

Die Not der Kitas: Erzieher in höchster Corona-Gefahr

| Lesedauer: 4 Minuten
Jule Bleyer ist stellvertretende Leiterin der  Lokalredaktion.

Jule Bleyer ist stellvertretende Leiterin der Lokalredaktion.

Foto: Massimo Rodari

Auch nach zwei Jahren Pandemie herrscht noch so viel Unklarheit auf allen Seiten. Was Entlastung bringen könnte.

Hamburg. Würden Sie sich derzeit mit 30 ungeimpften Menschen in einen Raum setzen? Und keinen Abstand halten, sondern jeden reihum in den Arm nehmen? Ohne Maske? Nein? Dann können Sie froh sein, dass Sie nicht als Erzieher oder Erzieherin in einer Kita arbeiten.

Denn diese befinden sich tagtäglich in der schwierigen Situation, dass sie in engstem Kontakt mit denen sind, die sich nicht impfen lassen können. Und die FFP2-Masken höchstens zum Spielen aufsetzen. Die Kitas sind damit aktuell wohl die am meisten von Corona-Infektionen gefährdeten Bereiche – und sollen doch gleichzeitig den Kleinsten einen geschützten Raum bieten. Diese Aufgabe jeden Tag anzugehen und zu meistern verdient den größten Respekt.

Infektionen in Kitas: kein standardisiertes Vorgehen

Umso mehr stößt es da auf, dass in Jahr zwei der Pandemie noch so viel Unklarheit und damit Unsicherheit auf allen Seiten herrscht. Die Gesundheitsämter sind – Überraschung! – ob des drastischen Infektionsgeschehens oft überlastet und schicken in ihrer Not standardisierte Antwortmails raus, mit der Bitte um Geduld und von Nachfragen abzusehen.

Die Kitas, die neue Infektionen wie vorgeschrieben melden, bleiben mit ihren Fragen zum weiteren Vorgehen zurück. Mit der Konsequenz, dass sie selbst handeln und entscheiden, wer über den Infizierten hinaus zu Hause bleiben muss und welche Gruppen trotzdem weiter von nicht infizierten Kindern besucht werden dürfen. Hier finden die meisten Kitas zum Glück pragmatische Lösungen, auf die die Eltern vertrauen können. Trotzdem würde man sich doch wünschen, dass Kita A nicht anders handelt als Kita B.

Und dass die Anordnungen, die früher oder später von den Gesundheitsämtern kommen, nicht auch noch je nach Bezirk zum Teil unterschiedlich ausfallen. Unsicherheit, was in welchem Fall zu tun ist, ist das Letzte, was Kita-Leitungen, Erzieherinnen, Erzieher und natürlich auch Eltern derzeit brauchen.

Kita in Corona-Zeiten: ein sehr anfälliges System

In einem so anfälligen System sind alle Beteiligten darauf angewiesen, dass alle so verantwortungsbewusst wie möglich handeln. Heißt für die Eltern: Kinder ab drei Jahren dreimal die Woche – montags, mittwochs, freitags – zu Hause testen, bevor man sie in die Kita bringt. Und sie selbstverständlich nicht zu bringen, wenn der Schnelltest positiv ausgefallen ist.

Das heißt aber auch, dass die Eltern die Zeit, bis das Ergebnis des dann notwendigen PCR-Tests vorliegt, das Kind zu Hause betreuen müssen – ohne für diese derzeit aufgrund der überlasteten Labore immer länger werdende Zeitspanne Kinderkrankentagegeld in Anspruch nehmen zu können. Dasselbe gilt, wenn Eltern eben besonders vorsichtig sein wollen und ihr Kind nicht in die Kita bringen, weil dort ein positiver Fall aufgetreten ist, die Kita oder Kita-Gruppe aber nicht geschlossen wurde.

Ein weiterer Kita-Lockdown ist auch keine Lösung

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert deshalb einen eingeschränkten Regelbetrieb. Dann könnten Eltern, die ihr Kind zu Hause lassen wollen, ihre Einkommensausfälle während der Betreuung des Kindes geltend machen. Denn mit weniger Kindern können kleinere Betreuungsgruppen gebildet werden, und jedes Kind, das nicht kommt, verringert das Infektionsrisiko.

Das kann helfen, wenngleich es natürlich auch keine Lösung ist, die den Erziehern die Angst vor einer schweren Infektion mit möglichen Langzeitfolgen nehmen kann. Ein weiterer Kita-Lockdown wäre es aus Sicht der erschöpften Eltern und vor allem auch der Kinder aber auch nicht.

Dennoch dürfen wir nicht riskieren, dass die Kita-Beschäftigten vollkommen frustriert und resigniert aus dieser Krise kommen. Und sich mit ihren Sorgen gänzlich alleingelassen fühlen.

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