Meinung
Leitartikel

Unsere Wirtschaft ist in der Krise

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

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Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Das Wachstum der deutschen Wirtschaft ist zuletzt schwächer als in unseren Nachbarländern – auch wegen der Corona-Politik.

Hamburg. Allem Anfang, so durfte man vor einigen Wochen zum Amtsantritt von Kanzler Olaf Scholz (SPD) in Rückgriff auf Hermann Hesses „Stufen“ lesen, wohnt ein Zauber inne. Doch dieser Zauber droht schnell zu verfliegen: Die Verbreitung der Omikron-Variante belastet den Start des Ampel-Bündnisses, die Atom-Entscheidung der Europäischen Kommission schmerzt wie ein Schlag in die Magengrube – und nun kommen noch finstere Wirtschaftsdaten hinzu. Gerade einmal um 2,7 Prozent ist die deutsche Wirtschaft 2021 gewachsen, deutlich schwächer als erhofft und erwartet. Doch schon jedes Promille hat massiven Einfluss auf den finanziellen Gestaltungsspielraum der neuen Regierung.

Ausgerechnet die Brexit-Briten freuen sich über fast sieben Prozent Wachstum, die Italiener über 6,2 und die Franzosen über 6,5 Prozent. Zwar mussten alle diese Staaten 2020 einen heftigeren Einbruch als die Bundesrepublik hinnehmen, aber alle vermochten sich schneller aus dem Corona-Tal herauszuarbeiten. Die Deutschen hingegen haben erst gut die Hälfte dieses Weges zurückgelegt und sind mit dem aktuellen Wachstum Schlusslicht in Europa. Wie konnte es so weit kommen?

Finstere Prognose: In der deutschen Wirtschaft kriselt es

Zum einen liegt es an der deutschen Wirtschaftsstruktur. Die starke Industrie kam zunächst gut durch die Krise, wird nun aber härter als andere Branchen vom Reißen der Lieferketten, dem Chipmangel und steigenden Transportpreisen getroffen. Deutschlands Autohersteller und Maschinenbauer könnten deutlich mehr produzieren und verkaufen, wenn sie nur rechtzeitig Vorprodukte bekämen. Nun rächt sich, dass deutsche Firmen konsequenter als andere auf die internationale Arbeitsteilung gesetzt haben. Wenn China wegen eines Corona-Falls die Häfen sperrt, geht später auch den Deutschen die Arbeit aus. Immerhin besteht Hoffnung, dass bei einer Entspannung der Lieferprobleme die deutsche Wirtschaft wieder schneller wächst.

Das aber ist nur eine Erklärung des kümmerlichen Aufschwungs. Offenbar schadet auch der Lockdown, den die Deutschen 2021 strenger und länger als ihre Nachbarn durchgesetzt haben, der Wirtschaft. Ein Beleg ist nicht nur das Wachstum in Großbritannien, sondern auch in Dänemark, Schweden oder den Niederlanden, deren Plus zwischen vier und fünf Prozent liegt. Interessant auch: Schweden, der einzige Staat Europas ohne Lockdown, steht ökonomisch in der Spitzengruppe. Der Einbruch von 2020 ist längst wieder wettgemacht.

Wer in heutzutage erfolgreich sein will, muss innovativ sein

Möglicherweise deutet sich in den Zahlen noch ein weiteres, tiefer liegendes Problem Deutschlands an. Der Standort ist in den zurückliegenden Jahren träge und satt geworden, die üppigen Steuereinnahmen hat die Große Koalition vor allem genutzt, um das Geld großzügig zu verteilen – nachhaltig investiert wurde zu wenig. Und auch die Ampel muss aufpassen, dass sie sich nicht darauf beschränkt, für programmatische Wendemanöver von Verkehrs- über Energie bis zur Wärmewende zu vergessen, wie und wo das Geld eigentlich verdient wird. In welchen Zukunftsbranchen ist Deutschland denn noch führend?

Immerhin ein Beispiel gibt es zu feiern: Die Entwickler des ersten Corona-Impfstoffs aus Mainz haben die Bilanz gerettet. Biontech, als kleines Forscher-Start-up an der US-Börse groß geworden, hat das Zeug zum Weltunternehmen. Mit seiner Marktkapitalisierung wäre es klar im DAX, noch vor der Münchner Rück oder E.on.

Biontech hat sogar die deutsche Konjunktur wegen der Lizenzzahlungen in Milliardenhöhe gerettet – allein 0,5 Prozentpunkte des Wachstums gingen nach Schätzungen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) auf das Konto des Mainzer Biotechnologieunternehmens. Klarer kann die Botschaft nicht sein – wer in den 20er-Jahren erfolgreich sein will, muss innovativ sein.

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