Meinung
Hamburger Kritiken

Die Musterschüler werden abgewatscht

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Erst war Australien Vorbild, dann Portugal oder Dänemark – am Ende muss jedes Land seinen Weg aus der Pandemie finden.

Hamburg. Das darf man wohl ganz großes Tennis nennen: Der serbische Sportstar Novak Djokovic wollte offenbar ohne Impfung an den Australian Open teilnehmen – eine Idee, die in Down Under nicht ganz so gut ankam. Nun sitzt der Weltranglistenerste nach dem Entzug seines Visums in einem Hotel für Ausreisepflichtige – eine Art Abschiebeknast für Besserverdiener.

Die Boulevardmedien schäumen. Sogar der australische Premier Scott Morrison hat sich eingeschaltet: „Regeln sind Regeln, vor allem wenn es um unsere Grenzen geht“, betonte er. Sein serbischer Amtskollege Aleksandar Vucic schießt dagegen und betont, „ganz Serbien“ sei bei Djokovic. Da muss man fast froh sein, dass Australien und Serbien keine gemeinsame Staatsgrenze haben. 1969 reichte bekanntlich ein WM-Qualifikationsspiel, um den 100-Stunden-Krieg zwischen Honduras und El Salvador auszulösen.

Melbourne beendete erst im Oktober den Lockdown

Heute sind wir etwas klüger, aber auch nicht viel, denn das Tennisscharmützel zeigt, wie schnell weltweit die Sicherungen im Streit um die Bekämpfung der Pandemie herausfliegen – und dass Corona-Leugner und Covid-19-Hysteriker überall sind, nicht nur in Deutschlands sozialen Netzwerken. Das Beispiel Australien ist noch aus einem anderen Grund interessant: Denn das Vorbild der wackeren No-Covid-Kämpfer, die auch hierzulande durch radikale Lockdowns das Virus eliminieren wollten, hat inzwischen die Seiten gewechselt. Im Jahr 2020 war der fünfte Kontinent kompromisslos, als es darum ging, Infektionen zurückzudrängen – nur China griff noch radikaler durch.

Der australische Bundesstaat Victoria mit der Metropole Melbourne etwa beendete erst Ende Oktober nach 262 Tagen den längsten Lockdown der Welt. Erst als 70 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft waren, ließen die Behörden erste Lockerungsübungen zu. Fast lax ging es in Sydney zu – da waren es läppische 106 Tage im Lockdown.

„Australien hat die Kurve zerstört"

An dieser Stelle muss man noch einmal kurz auf die zahlreichen Australien-Fans in der deutschen Virologen-Schar verweisen: Im März 2021 etwa feierte Kanzlerinberaterin Melanie Brinkmann die Politik in Down Under: „Australien hat die Kurve zerstört. Das war kein Glück oder Zufall. Es gab eine klare, nachvollziehbare Strategie.“ Inzwischen ist die Strategie gescheitert.

In Australien liegt die Inzidenz heute bei mehr als 1424 – binnen einer Woche hat sie sich verdreifacht. Die Politik reagiert auf die Omikron-Variante anders als auf ihre Vorläufer: Premier Morrison nennt sie einen „Game-Changer“. Die Bürger müssten dem Virus „mit gesundem Menschenverstand und Verantwortungsbewusstsein“ entgegentreten, sagte er und versprach: „Wir werden das Leben der Menschen nicht mehr stilllegen.“

Inzidenz in Schleswig-Holstein bei 458

Auch andere Modellstaaten, die Medien wahlweise und mit Wonne als leuchtenden Pfad in Szene setzten, sind plötzlich Vorreiter der Virusverbreitung: Die Impfvorbilder Portugal, Spanien und Italien haben eine Sieben-Tage-Inzidenz von rund 1700. Auch in dem von mir gefeierten Staate Dänemark (Inzidenz 2334) ist möglicherweise etwas faul. In Schleswig-Holstein liegt die Inzidenz nun bei 458, die gelobte Stadt Bremen ist deutschlandweit mit 850 Spitze. Was sagt uns das? Offenbar haben wir uns alle zu sicher gefühlt – wann und wo immer es gut läuft, kommt das Virus mit Macht zurück. Die Musterschüler werden abgewatscht.

Am Ende gibt es vielleicht gar keine Vorbilder. Oder aber wir emanzipieren uns von der angstmachenden Macht der Inzidenz und lernen, mit dem Virus zu leben, ohne leichtsinnig zu werden, die Masken abzustreifen und in der nächsten Disco durchzudrehen. Schauen wir nüchtern auf die Intensivstationen: In den Hotspots Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg ist die Lage seit Wochen mehr oder minder stabil, in Dänemark sind die Belegungen nur leicht gestiegen.

Deutsche Bilanz ist mittelmäßig

Selbst in Großbritannien, wo seit Weihnachten die Inzidenzen vierstellig sind und dennoch kaum Beschränkungen gelten, liegen „nur“ 875 Patienten auf Intensivstationen, in Deutschland – mit einem Viertel mehr Einwohnern – hingegen mehr als 3400. Jedes Land muss seinen eigenen Weg finden, zu viele Daten sind nicht vergleichbar.

Aber eines sollte uns zu denken geben: Strenger als in Deutschland sind die Maßnahmen der Covid-19-Bekämpfung nach Auswertung der Universität Oxford inzwischen fast nirgends mehr. Dafür ist die deutsche Bilanz arg mittelmäßig.

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