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Hamburger Kritiken

Der Wert der Arbeit

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Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt.

Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Die Internet-Ökonomie fördert schlecht bezahlte Jobs – und verschärft den Weg in eine Zweiklassengesellschaft.

Hamburg. Vielleicht liegt es am Alter, dass ich mir mehr und mehr die Frage stelle, ob man die angeblich so segensreichen Errungenschaften der digitalen Welt wirklich alle benötigt. Und wichtiger noch, ob man sie wirklich feiern sollte.

Über den E-Scooter, diese albernen Steh-im-Wege, habe ich mich an dieser Stelle schon ausgelassen. Es bleibt ein Rätsel, worin der Gewinn für die Gesellschaft liegt, wenn Pennäler mit dem Elektroroller zur Schule fahren statt mit dem Rad oder Touristen damit durch die Stadt rollen, statt den Bus zu nutzen.

Weshalb rasen Heerscharen von Bringdiensten von Pizza, Pasta und Baguettes im Kleinwagen, auf Mopeds oder Rädern durch die Stadt? Kann niemand mehr kochen oder sich zumindest selbst zum Restaurant seiner Wahl bewegen? Muss alles im Internet geordert werden? Warum bestellen wir ein Buch bei Amazon statt im Laden um die Ecke? Weshalb klicken wir unsere Innenstädte öd und leer? Was sollen eigentlich Fahrdienste wie Uber, wo es hierzulande ein funktionierendes Droschkenwesen mit Sozialstandards gibt?

Weg in die Zweiklassengesellschaft

Und was ist es für eine Geschäftsidee, für eine vergessene Gurke oder die fehlende Salatsoße gleich einen Gorillas-Kurier zu bestellen? Kann sich niemand mehr selbst vor die Tür wagen?

Offenbar hat Corona deutschlandweit zuerst die Beine befallen: Rund 40 Prozent der Erwachsenen haben seit Beginn der Pandemie deutlich zugenommen – im Schnitt 5,6 Kilo. Bei den 30- bis 44-Jährigen – Hauptnutzer der Onlinedienste – sind es sogar 48 Prozent. Die Spätfolgen dieser Gewichtsexplosion könnte das bitterste Long-Covid für das Gesundheitswesen werden.

Noch eine Folge werden Digitalisierung und Plattform-Ökonomie zeitigen – sie verschärfen den Weg in die Zweiklassengesellschaft. Wie am Hofe der Fürsten lassen sich Besserverdiener inzwischen umsorgen und versorgen, sich alle Wünsche erfüllen, legen ein maximales Anspruchsdenken an den Tag und finden das nicht einmal peinlich. Das Päckchen zu spät? Die Pizza kalt? Darüber können wir uns empören – aber kaum über die prekären Jobs, die diese Dienste so schön billig und damit erst möglich machen.

Lieferdienst Gorillas fiel erst vor wenigen Monaten negativ auf

Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin ein Freund der Dienstleistungsgesellschaft – aber es sollte eine Gesellschaft auf Augenhöhe sein, mit Respekt und fairen Löhnen. Gerade daran mangelt es in der schönen neuen Welt der Internet-Multis und Plattformen. Uber, der private Fahrdienstvermittler, wurde als große Innovation gefeiert. Für seine Investoren wie Jeff Bezos (Amazon), den Konzern Alphabet (Google) oder den saudi-arabischen Staatsfonds wurde der Börsengang 2019 ein Geschäft, für die Fahrer eher nicht – sie werden schlecht bezahlt.

Der Lieferdienst Gorillas fiel erst vor wenigen Monaten negativ auf, weil seine Angestellten streikten, um eine rechtzeitige Bezahlung, wetterfeste Kleidung und sichere Fahrräder einzufordern. Offenbar Dinge, die ihnen vorenthalten werden, auch weil viele der Fahrer aus dem Ausland kommen und kaum oder gar kein Deutsch sprechen. In Hamburg verspricht Gorillas „Einkaufen zu Supermarktpreisen: in 10 Minuten bei dir.“ Das grenzwertige Geschäftsmodell lohnt sich in Hamburg übrigens drolligerweise offenbar nur in den-Hochburgen des linksliberalen Milieus: in Ottensen, der Schanze, Winterhude, Hoheluft, Eimsbüttel und Barmbek. Die lieben Gorillas gendern ja auch.

Auch die Schattenseite der E-Scooter lohnt es auszuleuchten: „Leider wird das Geld auf dem Rücken derer verdient, die die Roller am Abend einsammeln und wieder aufladen“, kritisierte der DGB. Und um das Geschäftsmodell von Amazon zu verstehen, bedarf es keines BWL-Studiums: Wer steueroptimiert Mitarbeiter auf der grünen Wiese einsetzt, kann sich hohe Mieten und ausgebildete Verkäufer sparen. Amazon-Gründer Jeff Bezos ist der reichste Mann der Welt.

Nicht alles, was als neu und hip daherkommt, steht für eine bessere Welt

Das Businessmodell der Firmen setzt darauf, dass ihre Plattformen üppige Gewinne abwerfen, während die Fahrer und Aushilfen oft nur Peanuts abbekommen – sie sind austauschbar, oft ohne soziale Absicherung in ihrer Selbstständigkeit gefangen, und werden vielleicht schon bald endgültig durch autonome Anwendungen wegdigitalisiert.

Nicht alles, was als neu und hip daherkommt, steht für eine bessere Welt. Manchmal bringt es uns zurück in finstere Zeiten der Zweiklassengesellschaft. Immerhin steigt jetzt der Mindestlohn.

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