Meinung
Dohnanyi am Freitag

Corona-Impfung: Zögernde in die Vernunft ziehen

| Lesedauer: 2 Minuten
Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über die Pandemie und die Ausweitung von 2G.

Hamburg. Matthias Iken: Die 2G-Regel wird nun ausgeweitet. Wird das reichen?

Klaus von Dohnanyi: Natürlich ist das nützlich. Aber wir wissen inzwischen, dass auch Geimpfte und Genesene das Virus weiter tragen können. Hinzu kommt, dass nicht klar ist, welche Wirkung die bisherigen Impfstoffe gegen die neuen Varianten, besonders Omikron, haben. Die Fachleute raten gegenwärtig zu zwei Maßnahmen: Impfen – und trotzdem möglichst wenig Kontakte mit anderen Menschen. Nur wenn wir beides beherzigen, können wir hoffentlich die vierte Welle noch einfangen!

Iken: Das setzt auf die Einsicht aller, nicht nur der Ungeimpften und der Corona-Leugner, auch der Geimpften. Ist eine Impfpflicht nicht klüger?

Dohnanyi: Einen allgemeinen Zwang wird man praktisch nur schwer durchsetzen können. Ich glaube, der Staat hat mit den 2G-Regeln für die jetzige Lage seine Möglichkeiten zwar nicht rechtlich, aber doch praktisch erschöpft. Ich denke, nun könnte nur noch ein verordneter Lockdown oder mehr Bürgersinn helfen. Die spannende Frage lautet: Könnten wir die Solidarität in der Gesellschaft mobilisieren – nicht gegen die Coronaleugner, sondern auch mit ihnen?

Iken: Wie kann das gelingen?

Dohnanyi: Erlauben Sie mir, eine persönliche Erfahrung zu erzählen: Vor ein paar Tagen rief mich nach 10 Uhr abends eine fremde Frau an. Sie fragte: Kann ich Sie mal sprechen? Ich: Worum geht es denn so spät? Sie: Ich will mich nicht impfen lassen. Ich: Warum? Sie: Ich habe Angst und verstehe auch nicht, warum. Ich: Und warum glauben Sie, ich könnte Ihnen helfen? Sie: Ich habe Vertrauen zu Ihnen, und Sie sind doch ein Christ! Ich: Sind Sie Christin? Sie: Ja, ich habe auch bis zu meiner Rente in einer christlichen Organisation gearbeitet. Ich: Wenn Sie Christin sind, dann werden Sie doch auch fühlen, dass Sie anderen Ihre Nächstenliebe schulden, und das heißt dann doch auch: Bleiben Sie gesund. Und dafür können Sie etwas tun, aus christlicher Solidarität mit Ihren Mitmenschen. Sie: Ich soll mich also doch impfen lassen? Ich: Ja, tun Sie das aus Nächstenliebe, fassen Sie Mut! Sie: Vielen Dank für Ihre Worte, dann mache ich das!

Man sagt ja, der Streit um Corona gehe mitten durch Familien und Freundeskreise. Könnte man nicht alle Menschen aufrufen, nicht aufzugeben und um Solidarität bitten? Streit hilft nicht mehr weiter. Am besten wäre es, Kirchen und Vereine würden mobilisieren, auch die Parteien – warum nicht auch die AfD? Ist es nicht Aufgabe von uns allen, Zögernde in die Vernunft zu ziehen?

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung