Meinung
Deutschstunde

Eine zweifelhafte Chance auf schlechtes Wetter

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache.

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Foto: HA

Wenn eine schlimme Voraussage als Glücksfall angekündigt wird, stimmt der konnotative Bezug der Aussage nicht mehr.

Hamburg. Eine Leserin schreibt: „Da Sie mit Ihrer Kolumne eine erkleckliche Anzahl Leser erreichen und somit zweifelsohne ein Multiplikator sind, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie sich einmal folgenden Themas annehmen könnten: Mir ist aufgefallen, dass die Begriffe ‚Chance‘ und ‚Wahrscheinlichkeit‘ sowie ‚dank‘ und ‚aufgrund‘ jeweils wie Synonyme behandelt werden, folglich das Konnotat insbesondere von ‚Chance‘ und ‚dank‘ nicht beachtet wird.“

Der Multiplikator leidet nicht gerade unter Themenmangel, dankt aber für das Vertrauen in seine Kompetenz. Allerdings fürchtet er, dass eine erkleckliche Anzahl der Leser und selbstverständlich auch der Leserinnen mit dem Begriff „Konnotat“ nichts anfangen können. Dabei weist dieser auf einen erheblichen Stilfehler der Umgangssprache hin, auch „bei den Öffentlich-Rechtlichen“, wie die Leserin mit dem Seufzer „Ist das nicht grässlich?“ beklagt. Sie liefert auch ein Beispiel mit dem Satz: „Dank der hohen Zahl der Ungeimpften werden bald alle Betten in der Intensivpflege besetzt sein.“

„Dank“ lässt etwas Positives vermuten

Wir haben es bei dem Gebrauch der Präposition (des Verhältnisworts) „dank“ in diesem Beispielsatz mit einer sprachlichen Mogelpackung zu tun. Der Sprecher oder Schreiber missachtet den Bedeutungskern des Wortes und benutzt es entgegen der außersprachlichen Realität. Der konnotative Bezug des Satzes stimmt nicht. „Dank“ lässt etwas Positives, eine Anerkennung oder eine Danksagung vermuten und kann nicht als Begründung für den negativen Fall benutzt werden, dass die Ungeimpften angeblich schuld an der Überlastung der Intensivstationen sind.

Um das sprachliche Konnotat den medizinischen Tatsachen anzupassen, hätte die Präposition also „aufgrund“ oder „wegen“ lauten müssen – es sei denn, der Ausspruch wäre ironisch gemeint gewesen. Doch angesichts von mehr als 100.000 Corona-Toten warne ich vor jeder Ironie.

Auch "Chance" lässt positives Ereignis vermuten

Die Präposition „dank“, die Abstufung (Desubstantivierung) des Substantivs (Hauptworts) „der Dank“, fordert den Genitiv oder seltener den Dativ und drückt mit richtigem Konnotat etwas Zustimmendes, Bejahendes, Vorteilhaftes und Gutes aus: Dank des Einsatzes vieler Helfer konnte des Feuer bald gelöscht werden. Die Formulierungen dank des Computers und dank dem Computer sind beide richtig. Folgt auf „dank“ ein allein stehendes stark gebeugtes Sub­stantiv im Plural, dann wird der Dativ gewählt, weil der Genitiv nicht erkennbar wäre: dank Fortschritten der Wissenschaft (Dativ), aber dank der Fortschritte der Wissenschaft (Genitiv).

Die Einsenderin hat zudem einen Satz aus einem TV-Wetterbericht aufgegriffen, bei dem der konnotative Bezug misslungen ist: „Am Wochenende steigt die Chance auf ungemütliches Winterwetter.“ Hier passt etwas nicht zusammen. Eine Chance ist ein Glücksfall, eine günstige Gelegenheit oder die Aussicht auf Erfolg, aber nicht die Ankündigung von Sturm und Eis, über die sich niemand freuen würde.

„Chance“ geht auf das Verb cadere zurück

Das Substantiv „Chance“ wurde im 19. Jahrhundert aus dem frz. chance entlehnt, geht aber auf das lat. Verb cadere (fallen) zurück. Ursprünglich bedeutete das Wort einen Glückswurf, den „glücklichen Fall der Würfel“, woraus sich der „Glücksfall“ entwickelte. Ungemütliches Winterwetter ist allerdings kein Glücksfall, sodass die Wetterberichte nicht nur meteorologisch, sondern auch sprachlich korrekt sein sollten. Übrigens stammt unser Kasus (lat. casus), der grammatische Fall, etymologisch (wortgeschichtlich) aus derselben Quelle.

Ich habe am Anfang mit Absicht „eine erkleckliche Anzahl der Leser“ geschrieben und nicht „Zahl der Leser“. Besteht zwischen „Zahl“ und „Anzahl“ ein Unterschied? In der Stilistik bedeutet die Zahl die Gesamtzahl, die die Gesamtmenge ausdrückt, während die Anzahl ein Teil davon ist. Die Zahl der Abendblatt-Leser bezeichnet die Gesamtheit aller Leser dieser Zeitung, die erkleckliche Anzahl, die sich mit der Konnotation beschäftigt, weist jedoch auf die Leserschaft der „Deutschstunde“ hin. Obwohl in der Alltagssprache beide Wörter heutzutage oft gleichbedeutend gebraucht werden, ist es nicht verkehrt, in Schrift und Rede den hochsprachlichen Unterschied zu beachten.

deutschstunde@t-online.de

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