Meinung
Deutschstunde

Das letzte Jahr muss keineswegs das letzte sein

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen

Nicht jede Zeitangabe weist auf die Apokalypse hin. Über die Schwierigkeit, im Wort „Zeitläufte“ das „t“ zu platzieren.

Hamburg. Freuen tu[e] ich mich, dass ich mit dem Verb „tun“, das in der deutschen Stilistik herumirrt und eigentlich überflüssig und umgangssprachlich ist, so viel Aufmerksamkeit erzeugt habe. Einige Leserinnen und Leser schickten nach meiner letzten Kolumne eigene Erlebnisse, Schnacks und Kindheitssprüche. Ein Hamburger schrieb: „Es tut so gut, es klingt so gut, wenn der Tuter mit der Tute uns was vortuten tut.“ Das klingt nach dem Deutschlehrer in der Grundschule, der einen Ausdrucks-Fehler im Aufsatz korrigierte und die Schüler ermahnte, aussagekräftige Verben („Tuwörter“) zu gebrauchen.

Obwohl das Wort „tun“ im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet ist, scheint es sich im Norden und vor allem in Hamburg zu häufen. Ich fragte die Kollegen in Berlin, was sie von dem Satz „Opa tut gerade Brötchen holen“ hielten. Die Antwort war deutlich: Erstens tut Opa in Berlin nichts holen, sondern er geht oder „jeht“ holen, und zweitens holt er in der deutschen Hauptstadt keine Brötchen, sondern Schrippen. Es heiße also richtig: „Opa jeht gerade Schrippen holen.“ Bleiben wir in Hamburg und sprechen wir Hamburgisch, wenn wir ausdrücken wollen, dass ich das nicht tue. Wie sagt man so heimatlich und vertraut? Ik schiet di wat!

Fügung „im letzten Jahr“ löst Erörterungen aus

Die eckigen Klammern in meinem ersten Satz deuten darauf hin, dass es verschiedene Personalformen bei „tun“ gibt. Früher wurde ein „e“ eingeschoben: tuen, wir tuen, ihr tuet. Bis auf die 1. Person sind diese Formen mit „e“ heute nicht mehr üblich. Es heißt also „ich tue“ oder schlank und modern „ich tu“. Auch der Imperativ (die Befehlsform) erscheint ohne „-e“: Tu das!

Ich weiß bei manchen Ausdrücken im Voraus, dass ich wieder einige Proteste provoziert habe – und kann es, vielleicht gerade deshalb, doch nicht lassen. Hier geht es um die Zeitangabe „meine letzte Kolumne“. Ich lese dann: Hören Sie auf? War das wirklich die letzte „Deutschstunde“? Hat Corona Sie niedergestreckt? Ich weiß zwar nicht, ob das Virus oder die Erderwärmung mich zuerst packen wird, aber eigentlich hoffe ich, noch einige wöchentliche Kolumnen veröffentlichen zu dürfen. Man glaubt gar nicht, welche sophistischen oder apokalyptischen Erörterungen die Fügung „im letzten Jahr“ bei manchen Leuten auslösen kann, wobei der angebliche Unterschied zwischen „im vorigen Jahr“ und „im vergangenen Jahr“ ausführlich erklärt wird.

„Zeitläufte“ wird wirklich mit „t“ geschrieben

Doch bleiben wir beim „letzten Jahr“. Wie viele Verben und Adjektive hat auch die Eigenschaft „letzte“ verschiedene Bedeutungen. Einmal drückt „letzt-“ das „Ende einer Reihenfolge“ aus: die letzte Seite des Buches, das letzte Haus in der Straße, das letzte Jahr der Weimarer Republik. Eine andere Geltung hat „letzt-“ jedoch laut dem Deutschen Universalwörterbuch, wenn es auf etwas gerade erst Vergangenes hinweist, auf ein Ereignis, das in der zeitlichen Reihenfolge unmittelbar vor der gegenwärtigen Entsprechung liegt. So ist das vergangene Jahr das Jahr, das wir gerade erlebt haben, und die letzte Kolumne die Kolumne, die ich vor der heutigen geschrieben habe.

Etwas verblüfft war ich, als eine Leserin sich für den gelungenen Witz bedankte, dass ich „Zeitläufte“ mit „t“ schreiben wolle. Sie habe laut gelacht. Ich habe nichts dagegen, wenn man zwar nicht über, aber während des Lesens meiner Kolumne lacht, doch hier war es ernst gemeint: Das Wort „Zeitläufte“ schreibt man hochsprachlich wirklich mit „t“. Bei „-läufte“ handelt es sich nämlich um den Plural der heute nicht mehr gebräuchlichen Hauptwortbildung „der Lauft (= Lauf)“.

Das Verb „wertschätzen“ kann getrennt werden

Um der Resonanz auf die beim letzten (vorigen) Mal ausgewählte Korrespondenz ein weiteres Beispiel hinzuzufügen, sei auf die mögliche Trennung des Verbs „wertschätzen“ hingewiesen. Dieses Verb kann (veraltend) zerschnitten und getrennt im Satz platziert werden. Neben „Ich wertschätze dich“ ist auch „Ich schätze dich wert“ richtig. Das Kapitel der Präfix- und Partikelverben ist ein weites Feld, doch zur Einstimmung präsentiere ich ein Verb, das untrennbar im Korpus ruht, nämlich „bergsteigen“. Selbst ein doppelt Geimpfter, der sich nach Südtirol traut, steigt dort nicht „berg“, sondern „bergsteigt“ in den Dolomiten.

deutschstunde@t-online.de

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