Meinung
Leitartikel

Eine Impfpflicht muss her

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Stephan Steinlein ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Stephan Steinlein ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: HA / Mark Sandten

Die Corona-Inzidenz steigt weiter. Wer sich nicht schützt, gefährdet andere. Das muss enden, wollen wir unser Leben zurück

Hamburg. Die Nachrichten des Tages: Die Corona-Inzidenz steigt bundesweit weiter, erreicht den zwölften Tag in Folge einen neuen Höchststand. Österreich verhängt aktuell einen landesweiten Lockdown von bis zu 20 Tagen und kündigt eine Impfpflicht für das Frühjahr an. Das RKI fordert die Deutschen auf, Kontakte zu reduzieren. Die Zahl der Klinikeinweisungen von Covid-Patienten steigt deutlich.

Bayerische Krankenhäuser warnen vor einer unmittelbar drohenden Überlastung der Intensivstationen. Der Virologe Streeck glaubt, dass die Inzidenz noch viel höher ist als gedacht, spricht von einer „hohen Dunkelziffer“. Die Gesundheitsämter melden, eine Kontaktverfolgung sei kaum noch möglich. Man freut sich schon beinahe, wenn Hamburg dann meldet, dass die Inzidenz wenigstens stagniert.

Lage wird immer dramatischer

Was klingt wie eine Sammlung der besorgniserregendsten Meldungen vergangener Monate, ist am Freitag innerhalb weniger Stunden über den Nachrichtenticker gelaufen. Diese wenigen Sätze von gestern zeigen, wie dramatisch sich die Lage entwickelt hat: Corona ist außer Kontrolle. Und so allmählich dürfte diese Analyse auch in den letzten Winkeln des Landes angekommen sein. Dürfte. Ist sie aber immer noch nicht. Anders kann man die Impfverweigerung in Teilen der Bevölkerung nicht erklären.

Längst ist der Zusammenhang zwischen Impfquote, Inzidenz und Belastung in den Krankenhäusern klar belegt: je höher die Impfquote, desto niedriger die Zahl der Infektionen und der schweren Fälle, die auf den Intensivstationen behandelt werden müssen. Behandelt von Pflegekräften und Ärzten, die durch das rücksichtslose Verhalten der Ungeimpften an den Grenzen ihrer Belastbarkeit arbeiten – wenn sie sie nicht schon längst wieder überschritten haben.

Maßnahmen könnten unzureichend sein

Vielleicht reichen die weitreichenden Maßnahmen, die Bundestag, Bundesländer und Kommunen jetzt beschlossen haben: 3G am Arbeitsplatz sowie in Bus und Bahn, 2G in Lokalen, beim Sport in Hallen, bei körpernahen Dienstleistungen. Auch eine Impfpflicht in Pflegeberufen soll kommen. Doch vielleicht genügt das alles noch nicht, und Deutschland muss wie Österreich die Bevölkerung wieder in den Lockdown schicken. Was niemand wollen kann.

Die jetzt beschlossenen Regeln haben einen großen Nachteil: Sie sind zumindest in Teilen schwierig bis gar nicht zu kontrollieren. Nur ein Beispiel: 3G im Nahverkehr. Wie soll das gehen, wenn es schon viele Lokalbesitzer nicht schaffen, Impf- oder bislang auch Testnachweise zu kontrollieren?

Impfpflicht wäre der klarste Weg

Der einfachste und klarste Weg aus dem Corona-Dilemma wäre ein anderer: Endlich eine Impfpflicht für alle einzuführen. Dann könnte jeder, der sich verrannt hat in einer Anti-Impf-Dialektik, gesichtswahrend zu einer Spritze kommen. Diese Menschen könnten, auch im Gespräch mit anderen, immer noch dagegen sein, sich aber dem Zwang gebeugt haben. Wer sich aus Angst hat nicht impfen lassen, könnte so „zu seinem Glück gezwungen“ werden. All diejenigen, die geimpft sind und so zu einer Rückkehr in ein normales Leben beitragen, haben ein Recht auf diese Solidarität.

Übrigens: Eine Impfpflicht gibt es längst, sie ist total normal: Jedes Kind, das Kita oder Schule besuchen will, muss gegen Masern geimpft sein, jede Erzieherin, jeder Erzieher, jede Lehrkraft. Und: Reden wir noch groß darüber?

Impfverweigerung betrifft alle

Verhielte es sich mit der Impfverweigerung wie mit dem Komasaufen, es könnte einem doch egal sein. Wer sich zum Beispiel mit Alkohol selbst ruinieren möchte, trifft eine Entscheidung für sich. Nur: So verhält es sich mit der Impfverweigerung halt nicht: Wer sich nicht impfen lässt, gefährdet sich – und eben auch andere. Und das ist unsozial.

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