Meinung
Leitartikel

Warum es den Lockdown für die Ungeimpften braucht

| Lesedauer: 4 Minuten
Stephan Steinlein ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Stephan Steinlein ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: HA / Mark Sandten

Die Pandemie ist außer Kontrolle. Bisher herrscht noch Solidarität mit Ungeimpften. Politiker müssen den Druck auf Impfgegner erhöhen.

Hamburg. Wer lesen und zählen kann, ist klar im Vorteil. Statt sich Markus Söders pausenloses Geschimpfe in Talkshows oder Michael Kretschmers dauerndes Gejammer in Interviews anzuhören, lohnt ein Blick auf die Zahlen. Da wären als Erstes die Corona-Inzidenzen. Während Bayern auf 454 geklettert ist und Sachsen auf 569, liegen Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und das Saarland deutlich unter dem Bundesschnitt. Was diese vier Bundesländer eint? Hier helfen die nächsten Zahlen: Sie haben Impfquoten gegen Corona zwischen Mitte 70 und Anfang 80 – während Bayern, Sachsen und Thüringen traurig am Ende liegen.

Noch ein paar Zahlen, jetzt die zum Anteil der Corona-Patienten auf den Intensivstationen: Während in Schleswig-Holstein nur 2,9 Prozent aller Intensivbetten von Corona-Härtefällen belegt sind, sind es in den drei Ländern mit den dürftigsten Impfquoten jeweils mehr als 20 Prozent. Noch ein letzter Vergleich: In Bayern sind mehr als 90 Prozent der Intensivbetten belegt, in Schleswig-Holstein sind es gut 80.

Solidarität aus dem Norden mit den Ungeimpften

Was diese Zahlen belegen: Die einen lamentieren in Talkshows und Interviews als Ministerpräsidenten über ihre Landsleute und deren Umgang mit der Pandemie, die im Norden handeln. Leiden aber müssen unter der inkonsequenten Politik der drei genannten Bundesländer alle anderen: Der Norden nimmt Patienten aus dem Süden auf und hält weitere Intensivbetten für Menschen aus Thüringen, Sachsen oder Bayern frei. Das nennt man Solidarität. Solidarität mit den Ungeimpften und Untätigen.

Unsolidarisch und rücksichtslos verhält sich, wer sich spätestens jetzt noch immer nicht impfen lässt. Bei 50.000 Neuinfektionen am Tag kann man es nicht mehr beschönigen: Die Pandemie ist außer Kontrolle geraten. Dass es so weit gekommen ist, liegt allen voran an den Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen – und an der Politik, der der Mut fehlt zu dem Schritt, der angesichts der Verweigerungshaltung Hunderttausender nötig wäre: eine Impfpflicht umzusetzen.

Impfquote auch im Norden zu gering

Bevor der falsche Eindruck entsteht: Nicht nur in Bayern, Sachsen und Thüringen ist die Impfquote zu gering, im Norden ist sie es ebenfalls. Sie ist zwar erheblich besser, und die Situation in den Kliniken ist es damit auch, aber auch wir haben noch keine „Herdenimmunität“ erreicht. Regelrecht gebettelt habe man, um die Bevölkerung zu Impfungen zu bewegen, gestand Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg in dieser Woche.

Mit den Impfungen sei man zu den Menschen gegangen, statt wie zunächst darauf zu warten, dass die Menschen zur Impfung kommen. Selbst auf Äckern und Bauernhöfen wurde geimpft, um Landbevölkerung und Erntehelfer zu erreichen. Hinzu kamen Impfaktionen in Bahnhöfen und Einkaufszentren. Gereicht hat es noch nicht.

Lockdown für die Ungeimpften

Den Leuten im Norden sagt man bekanntlich nach, sie seien nicht die emotionalsten. Insofern war es wohl eine Gefühlsexplosion, als Ministerpräsident Daniel Günther davon sprach, sein Geduldsfaden mit Menschen sei gerissen, die sich bewusst nicht impfen ließen. Günther geht es vermutlich wie so vielen: Man ist die Rechtfertigungen der Impfgegner inzwischen leid. Die Geduld ist weitgehend aufgebraucht. Und die Zeit der Appelle, Bitten und Bettelei endet.

Statt Impflingen eine Pizza zu spendieren, braucht es wohl eher den Lockdown für die Ungeimpften. Es geht nicht um die, die nicht dürfen, es geht um die, die nicht wollen. Wer sich jetzt nicht impfen lässt, sollte sich fernhalten vom gesellschaftlichen Leben. Was es noch braucht, ist 3G am Arbeitsplatz und die Impfpflicht in Berufen mit körperlicher Nähe zu anderen Menschen wie in Pflegeheimen oder Kliniken. Und sollte das immer noch nicht reichen: Es bleibt noch immer die Impfpflicht für alle.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung