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Können Hamburgerinnen die CDU retten?

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Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

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Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / Funke Foto Services

Plötzlich spielen gleich drei hiesige Christdemokraten bei der Neuaufstellung der Partei eine wichtige Rolle. Die Hintergründe.

Hamburg. Das hat es lange nicht gegeben: Gleich drei Hamburger Christdemokraten spielen plötzlich bundespolitisch eine wichtige Rolle: Karin Prien, von 2011 bis 2017 Bürgerschaftsabgeordnete und seither Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, war schon Mitglied im Schattenkabinett des unglücklichen Kanzlerkandidaten Armin Laschet. Nun hat sie als Erste ausdrücklich ihre Kandidatur für die neue CDU-Spitze ankündigt – als Stellvertreterin.

Der neu in den Bundestag gewählten Franziska Hoppermann winkt sogar das einflussreiche Amt der Generalsekretärin, sollte Norbert Röttgen das Rennen um den Vorsitz machen. Und dann ist da noch Landeschef Christoph Ploß, der trotz seiner 36 Jahre schon auf eine eindrucksvolle Parteikarriere zurückblicken kann. Mit seinem Kampf gegen die Gender-Sprache hat er einen der ganz wenigen inhaltlichen Punkte der Union gesetzt.

Union landete nur noch auf Bronze-Rang

Nun werden Spötter ätzen, um die CDU muss es noch schlimmer bestellt sein als gedacht, wenn plötzlich ausgerechnet drei Hamburger zu Hoffnungsträgern bei der Neuaufstellung der wankenden Union werden. Schließlich ist die CDU in Hamburg das, was für die SPD in Bayern gilt – eine geschrumpfte Volkspartei: Bei der letzten Bürgerschaftswahl landete die Union mit 11,2 Prozent nur noch knapp auf dem Bronze-Rang. Und die Bundestagswahl fiel in Hamburg mit einem Minus von 11,8 Prozent noch verheerender aus als in anderen Regionen der Republik.

Aber gemach: Das Bundestagswahlergebnis hatte eine regionale Verzerrung. Armin Laschet trat gegen einen Hamburger an – gegen Olaf Scholz. Den Patriotismus der Wähler sollte man nie unterschätzen. 1998 etwa gewann die SPD in Niedersachsen mit Gerhard Schröder sage und schreibe 8,8 Prozent hinzu und damit fast doppelt so viel wie bundesweit, die CDU hingegen verlor überdurchschnittlich.

Schmerzhafter Machtverlust für die Hamburger

Auch so mancher bürgerliche Hanseat wird im September gegen seine sonstige Gewohnheit SPD gewählt haben. Das Ergebnis der Bürgerschaftswahl 2020 dürfte die Stunde null der Hamburger Union gewesen sein – die hiesigen Christdemokraten haben ihrer Bundespartei also schon etwas voraus.

Und die Hamburger wissen auch, wie schmerzhaft der Machtverlust nach langen Jahren ist: 2011 implodierte die Union nach dem überraschenden Rückzug von Bürgermeister Ole von Beust bei der Wahl von 42,6 auf 21,9 Prozent – übrigens gegen Olaf Scholz. Dieser Hamburger Fall erinnert ein wenig an die Union in Berlin – hier wie dort ein über die eigenen Parteigrenzen hinweg beliebter Amtsinhaber, der sich am Ende aber wenig um seine Partei kümmert – und noch weniger um seine Nachfolge.

Helge Braun bringt Schwächen von Merkel mit

Aber können ausgerechnet Hamburger eine ziellose wie verunsicherte Partei zurück auf Kurs bringen? Die bisherig genannten potenziellen Parteichefs dürften sich allesamt schwertun. Die Kandidatur von Friedrich Merz wird allgemein erwartet, wirkt aber ein wenig wie das öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm – die wievielte Wiederholung ist das genau?

Und was und wer ausgerechnet Kanzleramtsminister Helge Braun zu einer Kandidatur getrieben hat, bleibt ein Mysterium. Er bringt die gleichen Schwächen der Kanzlerin mit, ohne ihre Stärken zu haben. „Das Letzte, was die CDU jetzt braucht, ist ein Narkosearzt“, ätzte schon ein Parteifreund. Zumal der neue Parteichef die entfremdeten Parteiflügel der Merkel-Fans und -Gegner zusammenbringen muss.

Plötzlich wirkt Röttgen wie ein Favorit

Da wirkt Röttgen, der Außenseiter der Wahl vom Januar, fast wie ein Favorit. Zwar hat er noch keine Wahl gewonnen und schmiegt sich für viele Parteimitglieder etwas zu sehr an den flüchtigen Zeitgeist, aber die Personalie Hoppermann ist sein Coup – die 38-jährige Hamburgerin ist gewinnend, klug und talentiert. Sie ist jung und weiblich, bringt also mit, was in der Union eher homöopathisch vertreten ist. Der Grüne Till Steffen, ihr alter Chef in der Justizbehörde, twitterte schon: „Wer sie im Team hat, hat Glück.“

Prien und Ploß stehen bald für die Breite einer neu aufgestellten Union. Die Bildungsministerin verfolgt eine liberale Linie, hat die Programmatik der Partei aber im Amt nicht vergessen. Der CDU-Landeschef treibt Debatten auch gegen Widerstände voran und gibt den Konservativen eine Stimme, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Egal wer am Ende das Rennen macht, für die Hamburger CDU gibt es schlechtere Nachrichten.

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