Meinung
Deutschstunde

Wenn das Blaue vom blauen Himmel strahlt

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über  die Tücken  der deutschen Sprache.

Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: HA

Bei der Groß- und Kleinschreibung kommt es auf die Wortart an. Kleines kann groß und Großes kann klein geschrieben werden.

Die Politiker und erst recht die Politikerinnen müssen die Erde retten, die vierte Welle der Corona-Pandemie bekämpfen, die Radwege verbreitern und den Resten der Volksparteien neue Vorstände verpassen, sodass die Rettung der deutschen Sprache zurzeit ein wenig in den Hintergrund getreten zu sein scheint.

Angesichts dieser überlebenswichtigen Aufgaben traue ich mich kaum, das vergleichsweise banale Thema über die Großschreibung bestimmter Wörter aufs Tapet zu bringen. Doch auch solche vermeintlichen Nebensächlichkeiten sind Stolpersteine der Rechtschreibung, die aus dem Weg geräumt werden müssen. Falls wir untergehen sollten, wollen wir wenigstens mit richtigem Deutsch untergehen.

Deutschstunde: Untergang mit korrekter Rechtschreibung

Seit dem 18. Jahrhundert ist die Großschreibung der Substantive (Hauptwörter) von einer barocken Spielerei der Schriftsetzer zur orthografischen Regel geworden. Dabei wurde nicht mehr die Form eines Wortes, sondern seine Stellung im Satz als Kriterium zur Bestimmung eines Substantivs genommen. Ein Wort wird auf jeden Fall großgeschrieben, wenn es zusammen mit einem Artikelwort oder mit Attributen (Beifügungen) steht oder – das ist wichtig! – stehen könnte.

So ist „blau“ ein Adjektiv (Eigenschaftswort), und Adjektive werden kleingeschrieben: Der „blaue“ Himmel zeigt kein Wölkchen. Tritt aber ein Artikelwort hinzu, wandelt sich das Adjektiv zum Substantiv und wird großgeschrieben: „Das“ herrliche „Blau“ des Himmels strahlte über Hamburg. Sie können also ganz leicht zwischen Groß- und Kleinschreibung unterscheiden, wenn Sie sich klarmachen, zu welcher Wortart das Wort gehört oder in dieser speziellen Stellung im Satz gemacht worden ist.

Dabei kommt es nicht auf die historische, sondern auf die heutige Form der Wörter an. Von Substantiven bzw. Sub­stantivstämmen können Wörter anderer Wortarten abgeleitet werden, die nicht mehr groß-, sondern kleingeschrieben werden, und zwar Adverbien (Umstandswörter) wie „anfangs, tags, kreuz und quer, mitten“, Konjunktionen (Bindewörter) wie „falls, teils“ oder Präpositionen (Verhältniswörter) wie „dank, statt, trotz“. Andere Hauptwörter gerinnen zu unbestimmten Mengenangaben, die nicht mehr flektiert (gebeugt) werden können: „ein bisschen, ein paar“. Andere werden wie Adjektive prädikativ (zur notwendigen Ergänzung der Satzaussage) verwendet: Er ist schuld; wir sind pleite; ich bin ihr gram; mir ist angst.

Die Krux mit der Groß- und Kleinschreibung

Dass es bei der Groß- und Kleinschreibung nicht unbedingt auf die Buchstabenfolge des Wortes ankommt, zeigt folgendes Beispiel, bei dem auch die Syntax (der Satzbau) und die Semantik (die Bedeutung) in Erscheinung treten: Mutter kaufte „ein Paar“ Schuhe. Sie kaufte zwei Schuhe, und zwar einen linken und einen rechten, die in Form, Farbe, Marke und Größe zusammengehören. Aber: Mutter warf „ein paar“ Schuhe in den Restmülleimer. Dann hat sie eine unbestimmte Anzahl alter Schuhe weggeworfen. Sie könnte aber auch „ein Paar Schuhe“ in den Mülleimer werfen, nämlich nach vielen Jahr das Paar, das sie seinerzeit gekauft hatte.

Häufig stehen sich Groß- und Kleinschreibung gegenüber, je nachdem, ob das betreffende Wort als Substantiv oder als Adjektiv verwendet wird: angst und bange sein (aber: Angst und Bange haben); schuld sein (aber: Schuld haben); ernst bleiben (aber: Ernst machen) oder wert sein (aber: auf etwas Wert legen). Andere Wortarten können substantiviert, also zu Substantiven aufgewertet und dann großgeschrieben werden: das Seine; alles Gute; nichts Besonderes; das Folgende; das Ja und Nein; das vertraute Du; beim Essen; eine Sechs schreiben; im Voraus; im Westen nichts Neues; das In-den-April-Schicken usw.

In den Fügungen „aufs [auf das] Neue“ oder „auf ein Neues“ steckt ein Artikelwort, sodass hier eine Substantivierung vorliegt. In „von Neuem“ fehlt das Artikelwort, sodass einige Fachleute ein Adjektiv und somit Kleinschreibung annehmen. Bei „von Weitem/weitem; seit Langem/langem; ohne Weiteres/weiteres etc.“ sind beide Schreibweisen erlaubt. Familien, Firmen oder gar Redaktionen sollten sich für eine einheitliche Lösung entscheiden. Der Duden empfiehlt die Großschreibung.

deutschstunde@t-online.de

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