Meinung
Leitartikel

Mehr Respekt für die Pflegekräfte

| Lesedauer: 4 Minuten
Stephan Steinlein
Stephan Steinlein ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts.

Stephan Steinlein ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts.

Foto: Mark Sandten / HA

Kliniken und Heime leiden unter gravierendem Personalmangel. Der Druck wächst.

Hamburg. Die Pandemie hat auch ihr Gutes: Wohl nie zuvor genossen die Beschäftigten in den Krankenhäusern und Pflegeheimen eine Anerkennung und Wertschätzung wie in Zeiten von Corona. Nur: Was folgt daraus?

In vielen Kliniken und Heimen herrschte über Monate Ausnahmezustand, nie zuvor dürften die Arbeitsbedingungen härter gewesen sein als in den Hochphasen der Pandemie. Da war zunächst die Zeit, in der auch die Wissenschaft wenig wusste über das Virus. Wie verbreitet es sich genau? Wie groß ist die Ansteckungsgefahr? Reihenweise fiel Personal aus – aus Erschöpfung oder weil es sich bei Patienten angesteckt hatte, die selbst nicht ahnten, sich das Virus eingefangen zu haben.

Corona legt die Bedingungen für die Pflegkräfte offen

Bis zur Pandemie war es vielleicht noch möglich, auszublenden, unter welchen Bedingungen Pflegerinnen und Pfleger arbeiteten, egal ob in Kliniken oder in Heimen. Und was der Job mit den Menschen macht. Spätestens seit Corona konnte man aber nicht mehr wegsehen. Zu stark waren Bilder, Filme, Artikel oder eigene Erlebnisse. Erst waren es die Berichte aus Kliniken im italienischen Bologna mit völlig erschöpftem Personal – und Leichen, die sich stapelten. Spätestens als die Pandemie die deutschen Kliniken mit voller Wucht erreichte, war es vorbei mit dem Ignorieren der Probleme in den Krankenhäusern.

Oder in den Pflegeheimen. Alt und einsam – und auf einmal auch noch ohne jede direkte menschliche Zuwendung. Das war der Normalzustand in den Pflegeeinrichtungen. „Zutritt verboten“ hieß es für Angehörige, Besuche waren, wenn überhaupt, nur hinter trennenden Plexiglaswänden möglich. So blieben die Pflegerinnen und Pfleger der einzige Kontakt zur Außenwelt. Auch das schärfte endlich einmal den Blick für die Bedeutung dieser Arbeit.

Es folgten Dank, Anerkennung und wohlmeinende Worte

Was folgte, waren: Dank und Anerkennung und neben wohlmeinenden warmen Worten auch die eine oder andere Prämie. Aber an den Zuständen – genauer gesagt am gravierenden Personalmangel – hat sich nichts entscheidend verbessert. Operationen müssen abgesagt werden, Betten bleiben leer, ganze Stationen werden geschlossen – einfach nur, weil es zu wenige Frauen und Männer gibt, die bereit sind, den Job zu machen. Erfahrene Pflegekräfte kündigen, weil sie die Belastung des Schichtdienstes nicht mehr aushalten – und weil sie es können. Das Ringen um gut ausgebildete Pflegekräfte ist so groß, dass diese jederzeit einen anderen Job finden. Aber ist der wirklich besser? Sind die Bedingungen dort so, dass sie nicht krank machen?

Der Kampf um Pflegekräfte wird sich verschärfen. Kliniken, Heime und Zeitarbeitsfirmen konkurrieren um die gleichen – zu wenigen – Kräfte. Auf den ersten Blick ändert auch der Tarifabschluss bei Hamburgs größtem Pflegebetrieb Pflegen & Wohnen nichts grundsätzlich an der Lage. Aber: Ein Monatsgehalt von rund 4000 Euro und bis zu 42 Tage Urlaub jährlich nach zehn Berufsjahren – das ist durchaus ein reizvolles Angebot, das viele Beschäftigte anderer Häuser über einen Wechsel wird nachdenken lassen.

Eine bessere Bezahlung und mehr Urlaub ist der erste Schritt

Die Folge: Die anderen Einrichtungen werden nachziehen müssen, wollen sie nicht noch mehr Betten oder Stationen aufgrund des Pflegemangels schließen. Eine bessere Bezahlung und mehr Urlaub ist der erste Schritt, den Beruf attraktiver zu machen. Bessere Arbeitsbedingungen wären der zweite. Die ändern sich nur, wenn mehr Menschen dort dauerhaft arbeiten – womit wir auch wieder bei Schritt eins wären.

Olaf Scholz hatte im Bundestagswahlkampf wenige Botschaften, mit denen er versuchte, die Wähler zu erreichen. Eines seiner Leitbilder lautete: „Respekt“. „Respekt üben, respektiert werden“, forderte der mutmaßliche nächste Bundeskanzler ein. Vielleicht beginnen wir ja damit in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen.

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