Meinung
Politik auf der Couch

Kommt das Obama-Paradox nach Deutschland?

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Hajo Schumacher
Hajo Schumacher über drohende Wut.

Hajo Schumacher über drohende Wut.

Foto: Annette Hauschild

Endlich Aufbruch! – hofft die eine Hälfte des Landes. Alles gut? Von wegen. Die Ampelkoalition eint die Gegenseite – als Feindbild.

Ein Hauch von Martin Luther King lag in der Berliner Luft, als ein junger schwarzer Amerikaner von „Hoffnung“ und „Wandel“ sprach. 200.000 waren zur Siegessäule geeilt; deutsche Politiker sind froh, wenn sie ein Prozent davon mobilisieren. Die Hauptstadt huldigte 2008 dem neuen globalen Hoffnungsträger: Barack Obama. Wenig später wurde der Senator zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

Barack und Michelle Obama brachten Ernst, Witz und Stil ins aufgeregte Amerika. Weniger Rassismus und mehr soziale Gerechtigkeit, weniger Krieg und mehr Klimaschutz – Obama, so dachten manche (ich auch), würde erst die USA und dann die ganze Welt ein wenig vereinen.

Tappt Deutschland in die Obama-Falle?

Acht Jahre und zwei Amtszeiten später waren die USA gespaltener als je zuvor. Krieg und Diskriminierung gab es immer noch. Obamas Bilanz war durchwachsen, vor allem außenpolitisch. Die Welt sehnte sich plötzlich zurück nach einem vergleichsweise harmlosen Konservativen wie George W. Bush.

Befeuert durch Facebook und andere digitale Hetzmaschinen war das gesellschaftliche Miteinander vergiftet. Der Präsident hatte nicht sein Land, sondern vor allem die Gegenseite geeint. Der erste Schwarze im Weißen Haus, soziale Fragen und Klimapolitik, Migration, Medien- oder Elitenskepsis – der perfekte Cocktail für Wutbürger. Als Feindbild diente Obama dem Aufstieg Donald Trumps. Das Obama-Paradox.

Kommt nach Aerobic und Fast Food auch das Obama-Paradox nach Europa?

Eine unbewiesene Weisheit besagt, dass viele Trends aus den USA mit einiger Verspätung auch in Europa ankommen, ob Aerobic und Frisbee, Rap und Fast Food, SUP und SUV, Identitätsdebatten oder Untergangsporno. Und was ist mit dem Obama-Paradox? Wird eine Ampelkoalition womöglich den Boden für einen deutlich strammeren Konservativen bereiten?

Olaf Scholz ist kein Obama, die FDP eine Brücke ins Bürgerliche, gleichwohl sind die Themen der neuen Regierung vom Start an emotional aufgeladen. Die Zahl der Geflüchteten wächst, steigende Energiepreise bringen die Klimapläne durcheinander, Reizthemen wie Quote und Diversität warten. Warum sollte eine inhaltlich schwächelnde Union sich in lästige Programmarbeit begeben, wenn eine Ampelkoalition die Oppositionsthemen gleichsam vorgibt: gegen Einwanderer, gegen steigende Spritpreise, gegen den vermeintlichen Genderwahn.

Lindner und Scholz eignen sich nicht als Wutobjekte

Genau diesen zeitlos wirksamen Mix präsentiert eine neue Website mit dem unglücklich verdenglishten Namen TheRepublic, die von Friedrich Merz und Wolfgang Bosbach finanziert worden sein soll und Bosbachs Tochter Caroline als Kolumnistin beschäftigt. Ein neuer, ungewohnt schriller Stil fand sich unlängst auch beim CDU-Kreisparteitag in Mannheim, wo eine SWR-Reporterin von einem Parteimitglied mitten in einer Live-Schalte guerillamäßig angegangen wurde, bis man dann die Übertragung abbrach. Der Störer stand in Diensten des ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Nikolaus Löbel, dessen dreiste Masken-Deals das Ansehen seiner Partei nicht gehoben haben dürften.

Natürlich ist TheRepublic nicht von der Giftigkeit wie Trumps damalige Einpeitscher bei Breitbart, vielleicht bleibt der Mannheimer Tumult ein Einzelfall, und das Gerangel auf den Reichstagstreppen ist auch nicht der Sturm aufs Kapitol. Zugleich illustriert die inständige Bitte des künftigen Ex-CDU-Vorsitzenden Armin Laschet, doch bitte eine Partei der Mitte zu bleiben, das derzeitige Irrlichtern auf der Suche nach einem konservativen Kompass. 2018 bereits hatte Alexander Dobrindt (CSU) deutlich aggressiver eine „Konservative Revolution“ ausgerufen.

Bleibt die Frage, gegen wen in der neuen Regierung sich der absehbare Furor richten wird. Christian Lindner und Olaf Scholz eignen sich nicht gut als Wutobjekte. Gut möglich dagegen, dass Annalena Baerbock ihren zweiten Härtetest vor sich hat. Relativ jung, Frau, grün, berufstätige Mutter – das dürfte für ein stabiles Feindbild genügen.

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