Meinung
Leitartikel

Corona zeigt auf: Deutschland ist ein gespaltenes Land

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Wir untersuchen viel zu wenig, wer sich nicht impfen lässt – und warum. Bei den Impfquoten wird ein klares Ost-West-Gefälle sichtbar.

Was haben Bremen und Spanien gemeinsam? Und was Sachsen und El Salvador? Die Impfquoten. Wäre Bremen ein Staat, läge die kleine Hansestadt mit einem Anteil der Vollgeimpften von 77,5 Prozent weltweit in den Top 10 – noch vor dem hochgelobten Dänemark. Sachsen hingegen fände sich mit einer Quote von 56,3 Prozent rund um Rang 75 wieder, hinter vielen Staaten, die gern „Entwicklungsland“ genannt werden.

Auch wenn selbst das Robert-Koch-Institut (RKI) nicht genau weiß, wie viele Menschen hierzulande genau geimpft sind – der Trend ist seit Monaten unverkennbar. Das Ost-West-Gefälle lässt sich nicht leugnen. Und während sonst Corona-Themen die Berichterstattung dominieren, verwundert die Gleichgültigkeit gegenüber dieser Differenz. Mit Verve streiten wir zudem über Genderstern oder Tempolimit, als hinge davon das Seelenheil des Landes ab. Mit Empörung tadeln wir Unterschiede bei Renten oder Löhnen zwischen Ost und West. Aber ein Kollektivversagen nehmen wir achselzuckend zur Kenntnis.

Corona: Deutschland ist gespalten

Auch wenn es schwerfällt nach 31 Jahren deutscher Einheit: Corona zeigt, dass Deutschland ein gespaltenes Land ist. Unter den sechs größten Impfskeptikern finden sich alle ostdeutschen Bundesländer – und Bayern. Offenbar ist ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber der Politik dort weiter verbreitet als anderswo. Es dürfte kein Zufall sein, dass dort die Parteien der Impfskeptiker wie AfD oder Freie Wähler tendenziell besonders stark sind.

Allerdings bewegt man sich bei Deutungen schnell in einer Grauzone – denn während die politische Stimmungslage im Land täglich genau vermessen wird, wissen wir über die Gründe der Impfskepsis relativ wenig. Die Studien des RKI bleiben an der Oberfläche. Die Cosmo­-Studie der Universität Erfurt hat immerhin untersucht, warum die Impfbereitschaft im Osten deutlich weniger ausgeprägt ist: Es mangelt an Vertrauen in die Sicherheit der Vakzine, viele halten eine Impfung für überflüssig, das Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft ist weniger ausgeprägt. Ähnlich fallen dieser Studie zufolge die Gründe für die niedrigere Impfbereitschaft bei Migranten aus – hier kommen noch bürokratische und sprachliche Hürden hinzu.

Skepsis der Menschen muss untersucht werden

Die verbreitete Impfskepsis im Osten und bei Zuwanderern ist ein politisch heikles Thema – und deshalb umfahren viele Politiker und Behörden den Bereich weiträumig. Als etwa herauskam, dass überdurchschnittlich viele Migranten auf Intensivstationen lagen, wurde diese Nachricht nur hinter vorgehaltener Hand erzählt – und das RKI erfasst lieber keine Daten als politisch anzuecken. Aber zu welchem Preis? Wollen wir wirklich eher mehr Tote riskieren, als unangenehme Debatten zu führen?

Bevor man ein Problem bekämpfen kann, muss man es analysieren – dazu gehört eine kritische Bestandsaufnahme. Offenbar ist die Skepsis gegenüber Medien, staatlichen Einrichtungen, ja der Gesellschaft in einzelnen Gruppen größer als gedacht. Das allein ist ein Alarmsignal, das es in Zukunft aufzuarbeiten gilt. Deutschland ist gespaltener, als wir wahrhaben wollen, und die multikulturelle Gesellschaft erleichtert die Pandemiebekämpfung auch nicht.

Impfungen müssen zu den Menschen kommen

Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Bemühungen, kultursensibel zu kommunizieren, wird wichtiger – die Impfung muss zu den Menschen kommen, wenn die Menschen nicht zur Impfung kommen. Bremen hat gezeigt, wie es funktionieren kann. Die Kosten dürfen dabei keine Rolle spielen, auch großzügige Impfprämien sind eine Idee: Das Institut für Weltwirtschaft hat gerade berechnet, dass die niedrige Impfquote Deutschland teuer zu stehen kommen könnte. Im Winter drohen dadurch Ausgaben für die stationäre Behandlung von 180 Millionen Euro pro Woche.

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