Meinung
Deutschstunde

Die Grammatik wird unsere Erde nicht retten

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache

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Foto: HA

Aber die Sprache droht im Klimakampf zum ungeliebten Fossil zu werden. Es ist gar nicht so einfach, ein korrektes Perfekt zu bilden.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Kinder heutzutage gleich als Klimaexperten geboren werden, wenn sie alles nachplappern, was freitags der Zukunft, aber nicht den anderen Fächern zu dienen scheint. Ein Nachbarjunge erklärte mir, während er einen Schokoriegel öffnete und die Plastikverpackung achtlos in den Graben warf, es gebe zum Überleben auf diesem Planeten wichtigere Dinge als Rechtschreibung und Grammatik. Ich fürchte nur, die Ampel wird das Klima nicht retten, dafür aber die Sprache vergendern und zerstören. Gleichwohl versuche ich es hier noch einmal mit einem fossilen Thema:

Draußen regnet es. Trotzdem gehe ich spazieren. Vielleicht habe ich einen Schirm aufgespannt oder ein Cape übergeworfen, vielleicht liebe ich es, nass zu werden. Doch um das Wetter geht es hier gar nicht, sondern wieder einmal um die Grammatik. Wenn ich also durch den Regen laufe, geschehen zwei Vorgänge gleichzeitig: der Regen und mein Spaziergang. Der Regen und der Spaziergang befinden sich beide in der Gegenwart.

Plusquamperfekt ist die „vollendete Vergangenheit“

Ich fasse somit zusammen: Es regnet, doch ich gehe spazieren. Nun kann es aber sein, dass der Regen gerade aufgehört hat, wenn ich das Haus verlasse. Es ist draußen trocken. Der Regen hat seine Tätigkeit vollendet, er wird von der Gegenwart in die vollendete Gegenwart versetzt: Es „hat“ geregnet, bevor ich meinen Spaziergang mache. Das Verb „regnen“ wird in eine Vorzeitigkeit befördert, behält aber eine enge Bindung zur Gegenwart, sodass es nicht ganz in der Vergangenheit verschwindet.

Diese Zeitform eines Verbs bezeichnet man als das Perfekt, als die „vollendete Gegenwart“ oder die „Vorgegenwart“. Entsprechendes gilt für das Plusquamperfekt, die „vollendete Vergangenheit“, bei der bereits etwas abgeschlossen war, ehe wir unsere Tätigkeit in der Vergangenheit überhaupt in Angriff nehmen konnten: Es „hatte“ geregnet, bevor ich spazieren ging.

Auch Muttersprachler können durcheinander kommen

Perfekt (und Plusquamperfekt) werden mit dem Hilfsverb „haben“ und dem Partizip II (Mittelwort der Vergangenheit) gebildet: Es „hat“ geregnet. Oder: Ich „habe“ die Blume gepflückt, doch die Rose „hat“ verblüht. Halt, hier stimmt etwas nicht! Natürlich „ist“ die Rose verblüht! Dieses Beispiel bringt unsere „haben“-Regel ins Wanken. Offensichtlich kann das Perfekt sowohl mit den Formen von „haben“ als auch mit denen von „sein“ gebildet werden, aber selbstverständlich nicht nach Lust und Laune, sondern nach festen syntaktischen (satzbildenden) und semantischen (bedeutungstragenden) Voraussetzungen.

Selbst als Muttersprachler müssen wir ab und zu etwa im „Deutschen Universalwörterbuch“ nachschlagen, das bei Verben hinter dem Stichwort angibt, ob die 3. Person im Perfekt ein „hat“ oder ein „ist“ benötigt – zum Beispiel bei „wachsen“ im Sinne von „größer werden“: „wachsen (starkes Verb, ist)“. Aha, wir sagen also: Fritzchen „ist“ wieder um drei Zentimeter gewachsen. Anders bei „lachen“ („schwaches Verb, hat“): Er „hat“ laut gelacht.

Transitive Verben bilden Perfekt mit „haben“

Als Erstes müssen wir untersuchen, ob es sich um ein „transitives“ (zielendes) Verb handelt, also um ein Verb, das ein Akkusativobjekt fordert. Alle transitiven Verben bilden das Perfekt mit „haben“: Otto hat „das Auto“ (Akkusativobjekt) gekauft. Werden demnach intransitive (nicht zielende) Verben mit Dativ- oder Genitivobjekt stets mit „sein“ gebildet? Leider nein! So einfach ist die Entscheidung nicht, wie folgende Beispiele mit „hat“ zeigen: Er hat „mir“ (Dativ) nicht geholfen. Der Bundespräsident hat „der Opfer“ (Genitiv) gedacht.

Die Lösung, ob ein intransitives Verb für das Perfekt „haben“ oder „sein“ benötigt, liegt in der Semantik, in der Bedeutung des Wortes. Die „sein“-Form ist immer fällig, wenn die Verben eine Ortsveränderung oder einen Zustandswandel zum Ausdruck bringen. Alle Bewegungsverben beinhalten eine Veränderung des Ortes, zum Beispiel „fahren, gehen, fliegen“. Deshalb heißt es: Meine Mutter „ist“ nach Hamburg gefahren. Die Schüler „sind“ nach Hause gegangen (Ortsveränderung). Ein Zustandswandel wird dementsprechend durch Verben wie „wachsen, schrumpfen, erröten“ ausgedrückt: Das Kind „ist“ errötet. Vaters Kontostand „ist“ geschrumpft (Zustandswandel).

deutschstunde@t-online.de

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