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Deutschstunde

Manchen Wörtern fehlt ein richtiger Stammbaum

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache

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Foto: HA

Akronyme und andere Kurzwörter sind keine Abkürzungen, sondern neue Formen aus vorhandenem längeren Material.

Es gibt Wörter, die wir täglich gebrauchen und die trotzdem keine Wörter im konservativen Sinne sind. Ihnen fehlt der Stammbaum, der sie etymologisch (worthistorisch) adeln würde. Sie lassen sich auf keine indogermanische Wurzel zurückführen, sie haben nicht mit den Goten um Rom gekämpft, ja, sie sind noch nicht einmal in der Kammer der Wartburg entstanden, in der Luther das Tintenfass nach dem Teufel warf.

Nehmen wir das Wort „Aids“, dessen Geburt wir in wissenschaftlichen Fachzeitschriften meist angelsächsischer Herkunft suchen müssen. Dort wurde eine Erkrankung beschrieben, die zu schweren Störungen im Abwehrsystem des Körpers führt und die englisch „Acquired immune deficiency syn­drome“ genannt wurde, zu Deutsch etwa „erworbener Mangel an Abwehrkraft“. Selbst im allerersten Artikel darüber dürfte es zu mühselig und platzraubend gewesen sein, die Krankheit in jedem Satz immer mit vier Wörtern zu bezeichnen.

Akronym ist ein Initialwort

Also bildete man das Kurzwort Aids, das aus den Anfangsbuchstaben der vier Langwörter zusammengesetzt ist. Da hier die Anfangsbuchstaben verschiedener Wörter zu einem neuen Wort vereint werden, sprechen wir auch von einem „Initialwort“ (initial – „am Anfang stehend“), während verstaubte Germanisten, die Jacob Grimm als Gipskopf auf dem Schreibtisch stehen haben, abfällig die Bezeichnung „Quasiwort“ gebrauchen. Es ist immer noch am besten, wir holen uns den Fachbegriff aus dem Griechischen, und dann lautet er „Akronym“ von ákros (Spitze) und ónyma (Name).

Ohne Akronyme könnten wir über bestimmte Themen nicht reden und schreiben, ohne die eigene und die Geduld der Leser überzustrapazieren. Wir sagen Laser und nicht „Light amplifica­tion by stimulated emission of radiation“, oder wir sprechen vom Radar statt von der „Radio detection and ranging“. Auch in der Nachrichten- und Zeitungssprache benötigten wir ohne Akronyme zwei Seiten mehr am Tag. Sie lesen kurz und doch treffend Nato (North Atlantic Treaty Organization) oder Nasa (National Aeronautics and Space Administration). Es gibt Sonderformen der Akronyme. Ein „Buchstabenwort“ setzt sich aus beliebigen Einzelbuchstaben der Wörter zusammen, zum Beispiel „Dax“ für den Deutschen Aktienindex.

Kurzwörter sind keine Abkürzungen

Ergibt ein Akronym ein bereits existierendes Wort, so handelt es sich um ein „Apronym“. Der Bezug ist oft gewollt und enthält nicht selten einen süffisanten Hintergedanken: Die ELSTER, die „ELektronische STeuer-ERklärung“, spielt angeblich auf die Elster an, auf den diebischen Rabenvogel, der die Menschen ebenso schröpft wie das Finanzamt. Es sei dahingestellt, ob diese Deutung nun von den Finanzministern oder vom Steuerzahlerbund stammt, auf jeden Fall lässt sich das Kurzwort so gut merken. Und dann haben wir da noch die sogenannten „Backronyme“, die scheinbaren Rückwärts-Kurzwörter, wobei „rückwärts“ nicht „von hinten“ bedeutet, sondern „nachträglich“. Nachträglich wird bekannten Ausdrücken ein von Lebenserfahrung oder Lebensenttäuschung triefendes Akronym übergestülpt, etwa „Ehe“ für lat. Errare humanum est („Irren ist menschlich“) oder „Team“ für „Toll, ein anderer macht’s“.

Kurzwörter sind keine Abkürzungen. Bei Abkürzungen handelt es sich um Kürzungen aus vorhandenen Wörtern oder Wortgruppen (z. B. für „zum Beispiel“, Nr. für „Nummer“ oder S. für „Seite“), während Kurzwörter neu entstehen. Sie werden schnell in die Struktur der deutschen Grammatik integriert. Während Aids bisher weder einen Plural noch einen Artikel, aber bereits Komposita (Aidsberatung, Aidshilfe) besitzt, müssen wir bei anderen Akronymen zumindest den Numerus beachten: Die Nato „tagt“; die Uno „mahnt“ (Singular, die Organisation), aber: die USA „sind“ betroffen, die UN „verlangen“ (Plural, die Nationen).

Kurzwörter werden gemischt geschrieben, im Wortinneren also ausschließlich mit Kleinbuchstaben, wenn das neue Wort als Silbe oder in Silben gesprochen wird (Aids, Azubi, Akku, Kripo, Nabu, Fifa, Uefa, Unesco). Durchgehende Großbuchstaben sind nur zulässig, falls die Abkürzung als Einzelbuchstaben buchstabiert wird: A-D-A-C, D-G-B oder B-U-N-D.

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