Meinung
Schumachers Woche

Koalitionsspielchen - Kuscheln im Dreier

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Hajo Schumacher
Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher

Foto: Annette Hauschild / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH

Nun treten wir in die Ära des Dreiers ein. Ab sofort sind zwei Mittelstarke mächtiger als jeder Dritte im Bunde.

Hamburg. Unerhört, also wirklich. Neulich erfuhr ich von einem entfernt bekannten Paar, das nach vielen aufopferungsvollen Ehejahren die Partnerschaft geöffnet hat – für einen gemeinsamen Freund.

Die Frau hat nun zwei Männer, die sich beide angeblich bestens verstehen. Man wohnt, isst, urlaubt, schläft zu dritt. Statt Bienen jetzt also Bonobos, jene Affenart, die Konflikte bevorzugt beim Liebesspiel bewältigt. Bei diesem Dreibund, so berichtet ein Spion, sei viel Rücksicht vonnöten, Respekt und permanente Kommunikation auf Augenhöhe. Sechs Ohren hören eben noch mehr zartgiftige Untertöne. Trio, Triell, Triage? Man weiß es nicht. Ein Ego-Hooligan wie Markus Söder hätte jedenfalls keine Chance im Dreieck.

Nun treten wir in die Ära des Dreiers ein

Und schon sind wir bei der neuartigen Koalition, die sich da anbahnt. Deutsche Nachkriegsregierungen wurden ja stets nach dem vorherrschenden Partnerschaftsmodell gebildet. Lange Jahre galt die patriarchalische Konstruktion: Eine große Volkspartei, CDU oder SPD, übernahm den mächtigen, männlichen Part, die kleine Partei, FDP oder Grüne, erfüllte vorwiegend repräsentative Pflichten, etwa als Außenminister.

Selbst die vermeintliche rot-grüne Hippie-Koalition funktionierte noch nach dem Koch-Kellner-Modell: Der Mann war zuständig für die Macht, der Rest war Gedöns. Es folgten die großkoalitionären Jahre, wo die Macht nicht gleich, aber zumindest ausgeglichener verteilt war. Immerhin hatte eine Kanzlerin das Sagen.

Nun treten wir in die Ära des Dreiers ein, wo das Verhältnis völlig neu arrangiert ist. Ab sofort sind zwei Mittelstarke mächtiger als jeder Dritte im Bunde: Alle kochen und kellnern gemeinsam, selbst der Abwasch sollte tunlichst kooperativ erfolgen.

Balancebereitschaft ist gefragt. Kein Nehmen ohne Geben. Hinterlistigkeiten werden erschwert, von allen Partnern wird Offenheit und Kompromissfreude verlangt. Olaf Scholz, der zu Koch-und-Kellner-Zeiten sozialisiert wurde, spricht plötzlich von „echter Zuneigung“. Ich schaue im Schrank mal nach den alten Kuschelrock-Platten.

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