Meinung
Leitartikel

Dem nordischen Weg aus der Pandemie folgen

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Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Kiel ist ein Vorbild: Aus der Pandemie finden wir nur mit Verantwortung und Freiheit.

Die Nachrichten scheinen nicht so recht zusammenzupassen: Während der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, vor einer heftigen vierten Corona-Welle im Herbst warnt, macht sich der Norden locker: Die Jamaika-Koalition in Kiel will die Corona-Beschränkungen für Geimpfte, Genesene oder Getestete (3G-Regel) vom 20. September an weitgehend aufheben. Die Maskenpflicht bei Veranstaltungen, Sport und in der Gastronomie entfällt, alle Kapazitätsbeschränkungen werden aufgehoben. Nur wo die Einhaltung der 3G-Regel nicht praktikabel überprüft werden kann, bleibt es bei den bestehenden Regeln, etwa im Einzelhandel oder im öffentlichen Nahverkehr.

Wer allein die deutsche Debatte verfolgt, mag diese Entscheidung für tollkühn halten, ja für geradezu leichtsinnig. Wer hingegen die internationale Debatte sieht, hält den Kieler Schritt für logisch. Das allein zeigt, wie angstgetrieben in der Bundesrepublik inzwischen jede Corona-Debatte und die Politik sind.

Auch Dänemark hat inzwischen einen Kurswechsel vollzogen

Der Vorteil der Norddeutschen: Sie schauen eben nicht nur nach Berlin, sondern auch nach Skandinavien. Im Norden haben die Regierungen die Weichen längst Richtung Lockerung gestellt. In Schweden hat man sich von Anfang an einer Politik des Lockdowns verweigert und steht summa summarum heute nicht schlechter da als viele mittel- und südeuropäische Staaten. Auch Dänemark hat inzwischen einen Kurswechsel vollzogen: Die sozialdemokratische Regierung erklärte nun die Pandemie sogar für beendet.

Noch in dieser Woche fallen die letzten Beschränkungen. Auf den Straßen der Hauptstadt wird inzwischen wieder gefeiert, getrunken und gelacht wie ehedem. Am Wochenende kamen 15.000 Menschen nach Kopenhagen zum großen Open-Air-Festival namens „Tilbage til Live“: „Zurück zum Leben“.

Deutschland sollte es den Skandinaviern gleichtun

Der Öffnungskurs hat – anders als die Skeptiker vorhersagten – bislang nicht zu einem Anwachsen der Infektionen geführt: Die Inzidenz in Dänemark ist nicht nur rückläufig, sie liegt mit 73 inzwischen sogar unter jener der Bundesrepublik (83) und der in Hamburg (95). Ebenfalls interessant: Sowohl in Schweden als auch in Dänemark sind die Intensivstationen weit weniger belegt als hierzulande. Während in Hamburg inzwischen 54 Patienten betreut werden müssen, sind es in ganz Schweden 57 – und in ganz Dänemark sogar nur 19.

Deutschland sollte es den Skandinaviern gleichtun – und sich aus der Pandemie herausimpfen. Im Land der Erfinder des Vakzins sind leider immer noch viel zu wenige Bürger geimpft, nur knapp zwei Drittel haben die Erstimpfung. In Schweden sind es 68 Prozent, in Dänemark 76,1 Prozent. Und in Schleswig-Holstein immerhin 71 Prozent.

Wir werden mit Corona leben müssen

Die Politik sollte sich ihres Versprechens aus dem Frühjahr erinnern: Eigentlich sollten alle Beschränkungen fallen, sobald den Menschen ein Impfangebot gemacht wurde. An diesem Punkt stehen wir jetzt – und haben weiterhin viele Beschränkungen, und manche fabulieren schon von neuen Lockdown-Maßnahmen. Dabei zeigt der Kurs der Skandinavier, dass Freiheit und Verantwortung der richtige Schritt heraus aus der Pandemie sind. Verordnungen, Gebote und Bevormundung sind auf Dauer kein zielführender Weg: Wir werden mit Corona leben müssen – das geht in Zukunft nicht mehr mit Verboten der Politik, sondern nur mit der Vernunft des Einzelnen. In einer demokratischen Gesellschaft darf man das nicht nur von den Bürgern verlangen, sondern muss es sogar.

Es dürfte kein Zufall sein, dass ausgerechnet das Land mit dem größten Mut zur Freiheit in Westdeutschland am besten dasteht: In Schleswig-Holstein liegt die Inzidenz unter 50.

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