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Deutschstunde

Als aus dem Bäumchen ein großer Baum wurde

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt an jedem Dienstag über Besonderheiten der deutschen Sprache.

Der Autor schreibt an jedem Dienstag über Besonderheiten der deutschen Sprache.

Foto: Klaus Bodig / HA

Er wuchs nicht nur hinten bei uns im Garten, er änderte auch sein Geschlecht. Alle Diminutive auf „-chen“ und „-lein“ sind Neutra.

Hamburg. Der Baum steht seit 70 Jahren im hinteren Teil des Gartens meines Elternhauses – groß, knorrig, bestandsgeschützt und auf jeden Fall männlich: „der“ Baum. Als mein Vater ihn damals pflanzte, war „er“ noch ein Bäumchen. „Er“? Nein, „es“! „Das“ Bäumchen ist nicht nur erheblich kleiner als der Baum, „es“ hat auch sein grammatisches Geschlecht gewechselt. Meine Mutter soll, als Vater mit dem kleinen Stamm (männlich), dem Stämmchen (sächlich), vom Gärtner kam, ausgerufen haben: „Was für ein niedliches Bäumlein!“

Wir haben es mit den Ableitungsformen von Substantiven (Hauptwörtern) zu tun, die im Vergleich zu der Bedeutung des Grundwortes eine Verkleinerung ausdrücken. Durch die Endsilbe (Suffix) wird Großes kleingemacht. Merkspruch: „-chen“ und „-lein“ machen ein Wort klein: Häuschen, Freundchen, Bübchen, Mäuschen oder Kindlein.

Sprachwissenschaftlich nennt man solche grammatischen Verkleinerungsformen Diminutive (oder Diminutiva). Ohne diesen Fachbegriff stets im Sinn zu haben, gebrauchen wir diese Verkleinerungsformen täglich und bilden immer wieder neue. Wir sollten nur eines unbedingt beachten: Im Deutschen ist jedes Diminutiv sächlich (Genus: Neutrum), führt den bestimmten Artikel (Geschlechtswort) „das“ und das entsprechende Pronomen (Fürwort) „es“.

In der Schriftsprache schlägt das grammatische Geschlecht das natürliche Geschlecht

So ist das Mädchen (Diminutiv von „Maid“) sächlich, obwohl wir es nach unserer Erfahrung und Beobachtung durchaus als weiblich empfinden. Doch in der Schriftsprache schlägt das grammatische Geschlecht das natürliche Geschlecht. Dabei gibt es keine Ausnahme. Selbst in der Umgangssprache sollten Sie diese Regel beachten, wenn Sie korrektes Deutsch reden wollen: Das Mädchen weint. „Es“ hat Kummer.

Das gilt sogar für Eigennamen wie Klein Fritzchen: „Es“ wächst, nicht „er“. Das ist grammatisch zweifelsohne richtig, selbst wenn sich einige Leser die Augen reiben sollten. Der Alte Fritz, der Flöte spielte und seine Hunde mehr liebte als die Menschen, ist männlich, Maskulinum; das kleine Fritzchen, das sich in der Schule mühsam durch die Grammatik kämpft, ist sächlich, Neutrum.

Als ob die Form des Diminutivs noch nicht reichte, wird häufig das Adjektiv (Eigenschaftswort) „klein“ zur Verdeutlichung beigefügt: das kleine Häuschen, ein kleines Bübchen, mein kleines Mäuschen. Sprachpuristen wenden ein, dass es sich hier um das mehrfache Auftreten eines Bedeutungsmerkmals handele, um die überflüssige Häufung sinnähnlicher Ausdrücke, was rhetorisch (die Redeweise betreffend) als Pleonasmus bezeichnet wird („weißer Schimmel“). Solche Zusätze werden jedoch geduldet. Jeder Sprecher und Schreiber muss das Recht haben, seine Rede oder seinen Text ein wenig auszuschmücken, damit das Deutsche nicht so schlicht daherkommt wie die Glasarchitektur der Gegenwart.

Diminutive können auch eine Drohung beinhalten

Bestimmte Wörter sind formal Diminutive, werden jedoch als eigenständige Begriffe verwendet und haben im Laufe der Zeit ihren Bezug zum Ursprungswort verloren. Ein „Meerschwein“ kommt in Brehms Tierwelt nicht vor, und „Fischstäbe“ stehen auf keiner Speisekarte, weil die Ableitungen Meerschweinchen oder Fischstäbchen sich inzwischen verselbstständigt haben. Auch beim „Brötchen“ denken wir kaum noch an die Verkleinerung des großen Brotlaibs und beim „Märchen“ nicht mehr an die Mär.

Da heutzutage sogar schon 13-Jährige als „Frau“ angeredet werden, ist die Bezeichnung „Fräulein“ verschwunden. So lautete früher die Anredeform für unverheiratete Frauen, und zwar unabhängig vom Alter. Die ledige Rektorin meiner Grundschule hieß selbst mit 60 Jahren noch „Fräulein Mohr“, während ein „Frauchen“ eher eine Art sprachlicher Selbstverstümmelung bezeichnet. Sie wissen schon: Hier handelt es sich um eine Hundehalterin, die sich mit ihrem vierbeinigen Liebling auf eine Stufe stellt.

Diminutive können auch eine Drohung beinhalten. Wenn ich zu dem Sohn meines Nachbarn sage: „Pass bloß auf, Freundchen!“, so ist der letzte Rest von Koseform und Verniedlichung verschwunden. Hier droht vielmehr eine Tracht Prügel.

deutschstunde@t-online.de

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