Meinung
Hamburger KRITIken

Geht Merkel in die Verlängerung?

| Lesedauer: 5 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Scholz, Laschet und Baerbock versuchen, sich als Fortsetzung der Kanzlerin zu inszenieren. Dabei ist ein Wechsel bitter nötig.

Würde Angela Merkel noch einmal antreten, würden die Deutschen sie wahrscheinlich wieder wählen. Denn tief in unserem Herzen sind wir konservative Gewohnheitstiere, nichts ist uns so wichtig wie Stabilität. In früheren Wahlkämpfen reichten die Versprechen „Keine Experimente“ oder „Sie kennen mich“ kreuzweise für Unterstützung.

Aber die gebürtige Hamburgerin steht nicht mehr zur Wahl, und so versuchen derzeit gleich drei Kandidaten, die ewige Kanzlerin mehr oder wenig zu kopieren. Armin Laschet, der unglückliche Kanzlerkandidat, kam überhaupt nur in diese Rolle, weil der Aachener in einer programmatisch entkernten Union als natürlicher Merkel-Nachfolger galt. Die grüne Annalena Baerbock versucht einen Merkel-Wahlkampf: Sie bleibt lieber im Vagen und redet vom großen Ganzen – wortreich kann sie vom Klimaschutz sprechen, ohne nur einmal auf Verzicht und Verbote zu kommen. Und dann ist da Olaf Scholz, der in der „Süddeutschen Zeitung“, in der sich einst Peer Steinbrück mit dem Stinkefinger ablichten ließ, die Raute bildet. Wüsste man es nicht besser, man müsste denken, Olaf und Angela sind seit Langem Parteifreunde. Oder Genossen?

Die Welt wurde unruhiger, Deutschland immer ruhiger

Alle wollen sein wie Angela Merkel. Das ist verständlich: Zweifelsohne ging es den Deutschen in den vergangenen 16 Jahren ziemlich gut – und besser als vielen Nachbarn. An der Spitze stand eine erstaunlich unprätentiöse, bescheidene, glaubwürdige Frau, die sich in einer Zeit des wachsenden weltweiten Irrsinns als Ruhepol verstand. In einer Zeit von Brexit und Trump, von Putin und Xi Jinping, von Kim und Taliban hob sie sich als Stimme der Vernunft ab. Das war manchmal schwierig, manchmal aber war es auch verdammt leicht.

Aber während die Welt unruhiger wurde, wurde Deutschland immer ruhiger – fast sediert. Wir richteten uns ein fernab des Unbills, machten es uns im Hier und Jetzt gemütlich, kümmerten uns nicht ums Morgen, scherten uns wenig darum, wie die Welt ist, aber erklärten allen, wie sie sein sollte: „Franzosen und Russen gehört das Land/Das Meer gehört den Briten/Wir aber besitzen im Luftreich des Traums/Die Herrschaft unbestritten“, dichtete schon Heinrich Heine im „Wintermärchen“. Das war 1844. Letzteres gilt 2021 noch. Spätestens seit Afghanistan ahnen wir: Wir haben es uns etwas zu gemütlich gemacht im Luftreich des Traums.

So richtig gut gelaufen ist es nicht in 16 Merkel-Jahren

Lange haben wir geleugnet, dass am Hindukusch Krieg herrscht, dann haben wir es so lange verdrängt, bis es nicht mehr zu verdrängen war. Eine Mischung aus Wurstigkeit und Desinteresse ist mit schuld daran – wir haben nie hingeschaut. Wir fragten zu wenig, warum zwischen 2015 und 2020 – als deutsche Soldaten in Afghanistan kämpften – , mehr als 200.000 Afghanen, meist junge Männer, Asyl in Deutschland beantragten. Und nun überlassen wir die Ortskräfte dem Schicksal und der Rache der Taliban. So richtig gut gelaufen ist es nicht in 16 Merkel-Jahren.

Oder der Klimawandel: Es ist gut, dass das Thema endlich ganz oben auf der Agenda steht – aber Wissenschaftler warnen seit Jahrzehnten. Von 1994 bis 1998 war Angela Merkel Umweltministerin. Mehr als ein Vierteljahrhundert passierte viel zu wenig – und plötzlich überbieten sich alle in einem Wettlauf, wer am schnellsten das Land klimaneutral machen kann – mitunter ohne Rücksicht auf Verluste.

Digitalisierung, Corona, Flutkatastrophe

Oder die Digitalisierung – sie fehlt seit Jahrzehnten in keiner Sonntagsrede, aber in der Pandemie sind die faxenden Gesundheitsämter zum Inbegriff der deutschen Malaise geworden. Wäre da nicht mehr drin gewesen in 16 Jahren Regierung? Warum ist das Internet im Land der Dichter, Denker und Ingenieure eigentlich noch immer „Neuland“?

Oder Corona – warum gelingt es der Politik zwar, auch nach 18 Monaten Pandemie einschneidende Beschränkungen durchzusetzen, aber die Impfquote nur langsam nach oben zu treiben? Im Land der Erfinder von Biontech liegt der Anteil der zweifach Geimpften meilenweit hinter den Nachbarn wie Dänemark, Belgien, Portugal oder Spanien. Aber vielleicht stimmen die Daten ja auch nicht.

Oder die Flutkatastrophe, die ein modernes Land bis ins Mark traf, als lebten wir in der Vormoderne: Natürlich ist nicht an allem die Regierung schuld. Doch dämmert vielen: Ein Weiter-so verbietet sich. Demokratien leben vom Wechsel. Statt Raute und Flaute wären etwas Aufbruch und Mut ziemlich gut.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung