Meinung
Leitartikel

Das Vertrauen ist gestört: Nahverkehr in Not

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible

Corona hat viele Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel skeptisch gemacht – nun verschärft die GDL das Problem.

Hamburg. „Vertrauen ist der Anfang von allem“, warb ein großes deutsches Bankhaus in den 90er-Jahren. Der Slogan war mehr als Marketingsprech, er barg eine tiefere innere Wahrheit. Denn Vertrauen ist nicht nur im privaten, sondern auch im wirtschaftlichen Leben die Grundvoraussetzung für Erfolg.

Genau dieses Vertrauen ist derzeit beim öffentlichen Nahverkehr gestört, wenn nicht erschüttert. Dafür können die Anbieter selbst am wenigsten: Die Pandemie kam wie der berühmte schwarze Schwan vorbeigeschwommen, der vieles veränderte: Bis dahin hatte der öffentliche Nahverkehr seinen Anteil stetig steigern können – das lag nicht allein im Interesse der Unternehmen, sondern auch der Bürger, der Stadt und der Umwelt.

Ein modernes Gemeinwesen benötigt ein exzellentes Nahverkehrssystem. Je mehr Menschen aus dem Auto auf Busse und (Straßen-)Bahnen umsteigen, desto besser. In einer wachsenden Stadt wie Hamburg kann der Straßenraum kaum mitwachsen. Es gilt also, ihn klüger, ökologischer und effizienter zu nutzen: Das wird nur gelingen, wenn mehr Menschen den Nahverkehr nutzen.

Fünftägiger Warnstreik wird zu Fanal der Verantwortungslosigkeit

Die Corona-Krise hat leider manches verändert: Selbst langjährige Nutzer von Monatsabos sind plötzlich umgestiegen oder ausgestiegen. Wer eine Infektion fürchtet, fährt mit dem Rad oder dem Auto ins Büro. Wer zu Hause arbeitet, benötigt keine Dauerkarte. Entsprechend rückläufig war im vergangenen Jahr deutschlandweit der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs bei den Pendlern – er sank von 18,2 auf 13,4 Prozent. Dieser Trend ist auch bei der Hochbahn spürbar: Zwar steigt das Fahrgastaufkommen wieder leicht, noch immer aber liegen die Passagierzahlen nur bei rund 75 Prozent des Vor-Corona-Werts.

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Da war es eine gute Idee des HVV, die Hamburger am Wochenende mit Freifahrten zu locken: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – und die Gewohnheit, Bus und Bahn zu nutzen, sollte nicht abgelegt werden. Just in diesem Moment erschüttert das maßlose Vorgehen eines egoistischen Gewerkschaftsführers das aufkeimende Vertrauen – dieses Mal in die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit.

Da GDL-Chef Claus Weselsky einen maßlosen Kampf für seine kleine Spartengewerkschaft auf Kosten der Gesellschaft führt, werden viele S-Bahnen nun nicht fahren. Die schöne Idee, am Wochenende für den Nahverkehr, für den Umstieg vom Auto zu werben, ist dahin. Der fünftägige Warnstreik wird damit zu einem Fanal der Verantwortungslosigkeit.

Entscheidend ist, das Vertrauen der Nutzer zurückzugewinnen

Und noch eine weitere Verantwortungslosigkeit hintertreibt den Wunsch, den öffentlichen Nahverkehr zu stärken: Inzwischen stehen 9000 E-Scooter in der Hansestadt herum, ohne dass die Vermieter auch nur einen Cent zahlen – ein knappes Drittel der Nutzer gab an, sonst den Nahverkehr zu nutzen. Die vermeintlich „umweltfreundlichen“ Roller aber haben eine viel schlechtere Klimabilanz – und machen dem auf Einnahmen angewiesenen öffentlichen Personennahverkehr ohne Not Konkurrenz.

Es ist dringend geboten, die Verkehrspolitik ganzheitlicher zu denken: Am Ausbau des Bus- und Bahnverkehrs führt kein Weg vorbei, daran hat die Pandemie kein Deut verändert. Das Angebot kann in Zukunft sogar vom Trend zum Homeoffice profitieren, weil es die Stoßzeiten entlasten hilft. So können sich in Zukunft Verkehrsströme besser verteilen und Fahrten komfortabler werden.

Entscheidend ist, das Vertrauen der Nutzer zurückzugewinnen. Es wäre fatal, wenn das misslingt. „Vertrauen ist der Anfang von allem“, war damals der Slogan der Deutschen Bank. Wie wahr: Das Geldinstitut leidet bis heute unter der Vertrauenskrise, die durch schwere Fehler ausgelöst worden war.

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