Meinung
Dohnanyi am Freitag

Terror ist militärisch nicht auszurotten

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Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über das Scheitern in Kabul.

Matthias Iken: Es ist bald 20 Jahre her, dass Kanzler Schröder den Afghanistan-Einsatz mit der Vertrauensfrage verbunden hat. Hat am Ende Die Linke, die gegen das militärische Eingreifen war, recht behalten?

Klaus von Dohnanyi: Der 11. September 2001 bleibt für jeden, der damals den Terroranschlag auf das World Trade Center in New York live am Fernseher erlebte, unvergesslich: Amerika wurde zum ersten Mal nach fast 200 Jahren zu Hause von einer fremden Macht tief verwundet. Verständlich also auch, dass man das in den USA als Kriegserklärung verstand und sogar die Nato zu Hilfe bat. Alle fühlten sich vom islamistischen Terror bedroht, und so stand die Welt zusammen. Aber als Bin Ladens Terroristennest dann ausgehoben war, hätte man wieder gehen sollen: Die Linke hatte recht, Terror ist militärisch nicht auszurotten!

Iken: Führt das Desaster von Afghanistan dazu, dass militärische Einsätze in Zukunft unmöglich werden?

Dohnanyi: Das Desaster in Kabul kam ja nicht überraschend. Die nun seit mehr als 150 Jahren geübte Praxis der USA, durch Kriege anderen Völkern die „demokratischen“ Methoden der Vereinigten Staaten gewaltsam aufzwingen zu wollen, ist ja nicht nur in Afghanistan gescheitert. Wir müssen endlich verstehen, dass weder die USA noch ihre Verbündeten berechtigt sind oder auch nur fähig wären, anderen Staaten vorzuschreiben, wie diese leben oder sich regieren lassen sollten. Das versuchen die USA nun schon so lange und fast immer erfolglos; auf diesem Wege sollte Europa den Vereinigten Staaten nie wieder folgen. Der Fall Hitler-Deutschland war doch etwas ganz anderes: Wir waren nämlich schon vor Hitler eine Demokratie!

Iken: Welche Lehre ziehen Sie aus dem Scheitern?

Dohnanyi: Wir müssen endlich lernen, mit den USA über deren außenpolitische Fehlentscheidungen offen und auch öffentlich zu reden. Das tun die ja auch mit uns! Zu viele haben trotz besserer Einsicht zu lange geschwiegen. Aber wenn man sich zum Beispiel offen über die fatale Russlandpolitik der USA äußerte, wurde man ja gleich zu einem Freund Putins abgestempelt. Obwohl es doch ein schwerer und auch gefährlicher Fehler der USA bleibt, Russland an die Seite Chinas gedrängt zu haben! Europa hat zwar nicht mehr die Machtmöglichkeiten der USA, aber für eine rationale und mutige Auseinandersetzung zwischen Partnern braucht man weder Dollar noch Atomwaffen!

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