Dohnanyi am Freitag

Afghanistan-Einsatz: Bittere Bilanz der US-Politik

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Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über die Lage in Afghanistan.

Matthias Iken: Erleben die USA mit dem Scheitern in Afghanistan, dass sich „Freiheit“ und Regimewechsel nur selten militärisch durchsetzen lassen?

Klaus von Dohnanyi: Es hat noch nie einen abrupten Systemwechsel zur Demokratie gegeben, bei dem nicht zuvor ein demokratisches, mindestens ein rechtsstaatliches Fundament bestand. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde formulierte seine berühmte Erkenntnis etwa so: Die Demokratie kann die Voraussetzungen nicht schaffen, von denen sie lebt; die muss die Zeit geduldig bauen. Mit ihrer Überzeugung „Demokratie geht überall“ haben die USA nun fast den ganzen Nahen Osten militärisch zerstört. Was ist von Demokratie in Afghanistan nach 20 Jahren Mühen geblieben? Es gibt einen anderen Weg, um Demokratie zu verbreiten: Wir müssen die Begegnungen der Jugend und aller politisch Interessierten organisieren, sie anhören und nicht bevormunden. Auch China wird eines Tages seinen Gorbatschow bekommen, aber Konfrontation hilft dabei nicht.

Iken: Ist der Krieg gegen den Terror insgesamt gescheitert?

Dohnanyi: Nein. Aber den Krieg gegen den Terror gewinnt man nicht militärisch, sondern mit Geheimdiensten und exzellentem Verfassungsschutz. Da müssen wir so gut werden wie das viel kleinere Israel! Keine Scheu vor den erlaubten Methoden und kein Geld sparen, denn die Gefahren werden zunehmen, nicht nur wegen der Taliban. Man muss dann natürlich auch an die Quellen gehen. Dazu braucht man aber Drohnen, auch bewaffnete. Hier wünscht man sich in Deutschland eine kundigere Diskussion in mancher Partei.

Iken: Wie wird sich der Sieg der Taliban auf die Beziehung zwischen muslimischer und westlicher Welt auswirken?

Dohnanyi: Das weiß niemand. Aber die Taliban sind auch innerhalb muslimischer Staaten sehr umstritten, ihre extreme Radikalität wäre für Staaten wie Ägypten nicht akzeptabel. Der Westen kann da wohl nichts anderes tun, als den Reformflügel des Islam durch religiöse Toleranz auf unserer Seite zu stärken. Das geht aber schwerer, wenn hier intolerante Schläger rumlaufen. Da brauchen wir eine unerbittliche Polizei.

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