Meinung
Leitartikel

Ida Ehre Schule: Elternrat lässt Sensibilität vermissen

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Foto: HA / Andreas Laible

Angriff auf den Polizisten ist ein Warnzeichen. Tat widerspricht allem, was eine demokratische Gesellschaft tolerieren darf.

Hamburg. Es ist eine Nachricht, die bundesweit die Menschen entsetzt und verstört hat: In Hamburg hat eine große Gruppe von Halbwüchsigen offenbar auf einen Polizeibeamten eingeschlagen. Der Vorfall unweit der Ida Ehre Schule ist ein Warnzeichen, nach dem man nicht achselzuckend abwiegeln und zum Alltag zurückkehren darf.

Es ist gut und richtig, dass sowohl die Schulbehörde als auch die Schulleitung eindeutig und klar reagiert haben, während der Elternrat der Schule diese Sensibilität vermissen lässt. Dort distanziert man sich „ebenso deutlich“ von „spekulativen Berichterstattungen“ in den Medien wie von der Tat. Die Schuldzuweisungen an andere nehmen sogar mehr Platz ein als die Verurteilung der Gewalt.

Angriff auf Polizist widerspricht Demokratie

Deshalb muss man es hier noch einmal wiederholen: Diese Tat widerspricht allem, was eine demokratische Gesellschaft tolerieren darf: Polizisten sind nicht die Prügelknaben der Gesellschaft, sondern die Exekutive eines demokratischen Staates. Anders als die Bürger dürfen Polizisten im Ernstfall auch physische Gewalt anwenden, es gilt das Gewaltmonopol des Staates.

Dass man zudem nicht mit einer Meute auf einen Einzelnen losgeht und nicht auf einen am Boden liegenden Menschen eintritt, galt bis vor einigen Jahren als unbestrittene Schulhofregel, die auch der letzte Raufbold verinnerlicht hat. Es wäre aber grundfalsch, nun die Schule und ihre Schüler an den Pranger zu stellen. Denn das Problem ist eben kein reines Ida-Ehre-Schule-Problem, sondern reicht viel tiefer.

Pandemie verschlechterte Bild der Polizei

In den vergangenen Jahren hat sich ein Prozess beschleunigt, der die Polizei grundsätzlich negativ wahrnimmt. Der menschenverachtende Satz „All Cops are Bastards („Alle Bullen sind Schweine“) zählt längst zu den hippen Statement einer Jugendkultur. An dem Zerrbild des tumben Schlägers in Uniform arbeiten viele linke Gruppen mit Verve – das Internet quillt über von zurechtgeschnittenen Schnipseln von Polizeigewalt. Sie waren es auch, die die erschütternde Tötung des Afroamerikaners George Floyd eins zu eins nach Deutschland übertragen – als sei die schlecht ausgebildete US-Polizei mit der deutschen zu vergleichen.

Die Pandemie dürfte das Bild der Polizei noch einmal verschlechtert haben – viele Jugendliche haben die Beamten als Vertreter einer Politik wahrgenommen, die ihre Rechte einschränkt: Das gemeinsame Feiern, das gemeinsame Bier, ja schon das Zusammensitzen standen unter Strafe – und mancher Beamte ließ bei der Durchsetzung der Corona-Maßnahmen das nötige Augenmaß vermissen.

Respekt vor der Polizei verschwindet

Die Aggression gerade bei vielen Abgehängten in der Gesellschaft hat sich – wohl auch durch die Pandemie – noch einmal ausgeweitet. Der Respekt vor der Polizei, vor Rettungssanitätern oder Feuerwehrleuten schwindet gefährlich.

So ist der Vorfall an der Ida Ehre Schule ein Symptom einer Gesellschaft, der der Respekt insgesamt verloren geht. Es mag am Ende eine kleine Minderheit sein, die auffällig wird. Aber es ist die Pflicht der Mehrheit, sich dem entgegenzustellen. Vorbilder werden benötigt, Werte müssen konsequent gelebt werden. Daran hapert es. Heute benehmen sich auch viele Erwachsene wie in den Flegeljahren.

Respekt hält die Gesellschaft zusammen

Um im Bild zu bleiben: Sie beschimpfen Ärzte, deren Rettungswagen im Weg steht, kritisieren Polizisten wegen eines Strafzettels, hetzen gegen Politiker, die eine andere Position vertreten. Schuld sind immer die anderen; man selbst fühlt sich uneingeschränkt im Recht oder ungerecht behandelt.

Respekt aber sollte man nicht nur für sich einfordern, sondern vor allem anderen entgegenbringen. Er ist der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält.

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