Meinung
Deutschstunde

Ein Satz besteht nicht aus Legosteinen

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt  an jedem Dienstag über  die Tücken  der deutschen Sprache.

Der Autor schreibt an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: HA

Seine Wörter benötigen eine bestimmte Form und einen festen Bezug zueinander. Man kann auch sagen: eine Statik der Sprache.

Hamburg. Mit einem Einzelwort allein lässt sich im Allgemeinen keine komplexe Angabe machen, sondern höchstens ein Befehl erteilen („Geh!“) oder ein Warnruf ausstoßen („Vorsicht!“). Um einen Satz bilden zu können, der eine sinnvolle Aussage ergibt, benötigen wir wenigstens zwei und meistens noch viel mehr Wörter. Diese dürfen wir aber nicht so entnehmen, wie sie im Lexikon stehen, sie also nicht einfach aneinanderreihen.

Die Regeln des Satzbaus (der Syntax) verlangen, dass wir die Wörter untereinander in eine bestimmte Beziehung setzen, damit der Satz die gewünschte Bedeutung und den passenden Inhalt (die Semantik) bekommt. Um diese Beziehung der Wörter zu fixieren und einzuordnen, müssen wir sie häufig nach den Regeln der Wortbildungslehre (der Morphologie) flektieren (beugen). Auch ein Satz hat eine Statik, die stimmen muss, damit er nicht zusammenbricht wie das Hochhaus in Florida.

Mutter ist zum Objekt im Dativ degradiert worden

Wir wissen, wer Mutter ist, wir wissen, wer Vater ist, wir können uns vorstellen, wie ein Blumenstrauß aussieht, der schnell am Eingang der Tankstelle gegriffen worden ist, und wir kennen den Vorgang des Schenkens. Trotzdem klingt die Zusammenstellung „Vater | schenken | Mutter | Blumenstrauß“ ähnlich holperig wie die C-Dur-Tonleiter während der ersten Klavierstunde. Wir müssen vergessen, dass wir es hier mit Familienmitgliedern aus Fleisch und Blut zu tun haben, und unsere Lieben zu Gliedern der Grammatik erklären.

Vater ist der Handelnde. In syntaktischer Hinsicht bildet er das Subjekt (den Satzgegenstand). Was tut er? Er schenkt. Diese Verbform ist die Aussage des Satzes, das Prädikat. Wem schenkt Vater etwas? Mutter bekommt das Geschenk. Selbst wenn es herzlos klingen sollte: Mutter ist hier zum Objekt (zur Satzergänzung) im Dativ degradiert worden. Sie bildet das Dativobjekt (wem?). Was schenkt Vater ihr? Einen Blumenstrauß im Akkusativ (wen oder was?). Der Blumenstrauß hat die Rolle des Akkusativobjekts übernommen. Endlich haben wir den Satz korrekt beendet: Vater schenkt Mutter einen Blumenstrauß.

Verhältnis der Satzglieder mit einem Verhältniswort verdeutlichen

Es könnte nun sein, dass Mutter die fünf angewelkten Tulpen als ein wenig lieblos empfunden hat und ihrerseits am nächsten Tag beim Tanken als Retourkutsche einen noch mickerigeren Strauß für Vater ersteht. Lassen wir die Stimmung in der Familie einmal beiseite. Jetzt wird Mutter zur Schenkenden, Vater zum Beschenkten, Mutter übernimmt das Subjekt, Vater das Dativobjekt: Mutter schenkt Vater einen Blumenstrauß. Um dem Leser das mitzuteilen, haben Vater und Mutter beim Bau des Satzes die Plätze getauscht.

Obwohl man den Blumen die Tankstelle geradezu ansieht, könnte es ja sein, dass die Herkunft des Straußes trotzdem in den Aussagesatz eingebaut werden soll. Versuchen wir es mit dem Strauß „der Tankstelle“. Doch jetzt stimmt die Semantik nicht mehr. Ein besitzanzeigendes Genitivattribut (Beifügung im 2. Fall) ist fehl am Platze, denn die Blumen gehören dem Tankstellenpächter ja nicht mehr. Mit einer Syntax wie aus Legosteinen kommen wir nicht weiter. Um die Herkunft der Blumen zu beschreiben, müssen wir das Verhältnis der Satzglieder mit einem Verhältniswort (mit einer Präposition) verdeutlichen: der Strauß „von“ der Tankstelle.

Präpositionen sind selbst nicht zu verändern

Präpositionen sind selbst nicht zu verändern, verändern den Bau des Satzes aber oft entscheidend. Sie bilden zusammen mit einem übergeordneten Wort, meist mit einem Substantiv (Hauptwort) oder Pronomen (Fürwort), eine feste Gruppe (eine Präpositionalphrase): „nahe dem“ Bahnhof, „von ihm“, „wegen seiner“ (seinetwegen), „durch den“ Fluss. Dabei sind die Präpositionen überaus mächtig. Sie bestimmen nämlich den Kasus (Fall) der Gruppe, und zwar so eindeutig, dass man sagt, sie „regieren“ den Kasus.

Dann sprechen wir nicht mehr von einer Flexion, sondern von einer „Rektion“, von der Fähigkeit, die grammatische Form festzulegen. Wir könnten nun eine Tabelle mit allen Präpositionen und den zugehörigen Kasus (der Kasus, die Kasus) auswendig lernen. Aber so einfach ist es nicht. Viele Präpositionen regieren je nach Aussage zwei Fälle. Die Katze kann „auf dem“ Baum sitzen (wo?, Dativ), aber auch „auf den“ Baum klettern (wohin?, Akkusativ).

deutschstunde@t-online.de

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