Meinung
Leitartikel

Keine Horrorszenarien, sondern kluge Konzepte für den Herbst

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Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Bei allem Verständnis, die Fehler des vergangenen Jahres nicht zu wiederholen, bringt Alarmismus nicht weiter.

Hamburg. Der britische Medizinhistoriker Mark Honigsbaum hat in seinem lesenswerten Buch „Das Jahrhundert der Pandemien“ den Umgang der Gesellschaften mit grassierenden Infektionskrankheiten beschrieben. Er konstatiert, dass es stets einen „Zyklus von Panik und Gleichgültigkeit“ gab. Blickt man in die ungarischen Fußballstadien, kann man die Gleichgültigkeit geradezu sehen und hören. So schön das paneuropäische Turnier auch scheinen mag – in Zeiten der Pandemie wirkt der Reisezirkus des europäischen Fußballs aus der Zeit gefallen.

Zugleich zeigt die Europameisterschaft den sehr unterschiedlichen Umgang mit der Pandemie in verschiedenen Kulturen: So sehr, wie uns der Leichtsinn der Ungarn befremdet, so sehr wundern sich Außenstehende über uns und die „German Angst“. Während anderswo das Leben schon längst wieder gelockert wird, diskutieren wir mit Verve über die vierte Welle. Die tatsächliche Inzidenz liegt bei acht, die gefühlte eher bei 80.

Noch immer dominieren Horrorbotschaften die Nachrichten

Und noch immer dominieren Horrorbotschaften die Nachrichten. Nachdem die deutschen Zahlen sanken, richtete sich der Fokus auf die Lage im Ausland. Zuletzt schreckten uns Meldungen aus Indien auf. Was dabei aber übersehen wird: Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt trotz der verheerenden Delta-Variante inzwischen nur noch bei 27,5. Auch wenn eine gewisse Skepsis erlaubt sein mag: Noch vor eineinhalb Monaten war sie achtmal so hoch.

Nun verunsichert der Blick nach Großbritannien: Tatsächlich ist die Inzidenz dort trotz einer hohen Impfquote inzwischen auf fast 100 gestiegen. Ein Grund zur Panik? Die Zahl der Todesopfer und der Intensivpatienten liegt immer noch deutlich niedriger als hierzulande. Auch deshalb plant London, am 19. Juli die Corona-Beschränkungen aufzuheben.

In der deutschen Politik regieren Sorgenfalten

In der deutschen Politik hingegen regieren Sorgenfalten. Die Kanzlerin warnt vor Übermut, Karl Lauterbach (SPD) kommentierte Nachrichten aus Israel mit den Worten: „Zwei große Delta-Schulausbrüche trotz Herdenimmunität der Erwachsenen. Das droht uns auch im Herbst“ – und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) denkt schon laut über den Wechselunterricht nach.

Bei allem Verständnis, die Fehler des vergangenen Jahres nicht zu wiederholen, bringt Alarmismus nicht weiter. Statt heute schon über eine mögliche vierte Welle, Abstandsgebote, Masken und Fernunterricht zu philosophieren, geht es um Vorbeugung: Die Schulen müssen rasch in die Lage versetzt werden, mit funktionierenden Lüftungssystemen Präsenzunterricht zu ermöglichen. Bis Oktober hat das Land vier Monate Zeit zum Handeln, die es nicht in einer Sommerpause vertrödeln sollte.

Impfung bleibt der Königsweg

Zudem bleibt die Impfung der Königsweg aus der Pandemie heraus – alle Kräfte sollten darauf konzentriert werden, möglichst viele Bürger möglichst schnell zu impfen. Das klappt schon sehr gut. Mutige Öffnungsschritte nur für Geimpfte könnten dabei wie eine Mobilisierungskampagne wirken: Wenn der Impfnachweis zur Eintrittskarte in unser altes Leben wird, dürften Impfzweifler nachdenklich werden. Denn die Vakzine wirken auch bei der Delta-Variante.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Pandemien, so sagte der Medizinhistoriker Honigsbaum, enden in zweifacher Hinsicht: erstens medizinisch. Hier spielen die Impfungen die zentrale Rolle. Zweitens endeten Pandemien in gesellschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht: „Und das ist erst der Fall, wenn die Menschen nicht mehr darüber reden. Wenn die Pandemie also aufhört, ein Objekt medizinischer und politischer Sorgen zu sein“, so Honigsbaum.

Sollte der Brite recht behalten, könnte die Pandemie in Deutschland noch etwas länger als anderswo dauern.

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