Meinung
Sportplatz

Der beste Moment für ein kleines EM-Fieber?

| Lesedauer: 4 Minuten
Iris Mydlach
Redakteurin Iris Mydlach.Foto: MARK SANDTEN / FUNKE Foto Services

Redakteurin Iris Mydlach.Foto: MARK SANDTEN / FUNKE Foto Services

Foto: Mark Sandten

Ist jetzt! Denn noch nie haben wir eine Fußball-Europameisterschaft so dringend gebraucht wie in diesem Jahr.

Hamburg. Zu den wahrscheinlich rätselhaftesten Phänomenen der medizinisch-pharmakologischen Welt dürfte die Entstehung des sogenannten WM- oder auch EM-Fiebers gehören. Abgesehen davon, dass es sich dabei um einen Infekt handelt, der an mehreren Orten gleichzeitig ausbrechen kann, ist es rückblickend zumeist am Rande von Fußball-Großereignissen aufgetreten.

Schwere Verläufe sind nicht bekannt, es gibt jedoch zahlreiche offene Fragen: Wodurch wird das EM-Fieber ausgelöst, was sind die entscheidenden Faktoren? Zu welchem Zeitpunkt ist fest mit einem Ausbruch zu rechnen? Ist es auf andere Sportarten übertragbar? Und, womöglich am wichtigsten: Welche Impf-Priorisierung schiene im Fall eines wirksamen Vakzins angemessen?

Elf Länder sind Gastgeber für EM

So viele offene Fragen, so wenig Gewissheit, wobei eines mit Sicherheit feststehen dürfte: Weder bei der Fifa noch bei der Uefa ist man mit der Forschung zum Thema bislang weit gekommen, denn sonst gäbe es das EM-Fieber längst auf Rezept und sicherlich zum Schnäppchenpreis. Okay, aber mal Spaß beiseite: Die wenigsten Menschen, mit denen ich aktuell zu tun habe, freuen sich auf die heute beginnende Fußball-Europameisterschaft, was ebenso wie das EM-Fieber kein unbekanntes Phänomen ist. Wer will das denn noch sehen, ist ein häufig genanntes Argument, auch die diesjährige Austragungsform lässt so manchen Fußballfan ratlos zurück.

Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Turniers ist nicht ein einziges Land Ausrichter der EM, sondern gleich elf – die „Euro 2020“ findet in einer Stadt Asiens statt (Baku, Hauptstadt von Aserbaidschan) und zehn Städten Europas (Amsterdam, Budapest, Bukarest, Glasgow, Kopenhagen, London, München, Rom, St. Petersburg, Sevilla). Elf Gastgeber, elf Stadien. Wie soll denn da so etwas wie eine Euphorie entstehen?

Eröffnungsspiel: Türkei gegen Italien

Zugegeben, es ist tatsächlich nicht die idealste Form der Austragung in Zeiten der Pandemie, die – auch wenn wir langsam Licht am Ende des Tunnels sehen – noch lange nicht überstanden ist. Und doch ertappe ich mich in letzter Zeit immer häufiger beim Runterzählen der Tage bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels am heutigen Freitagabend, 21 Uhr, Türkei gegen Italien im Olympiastadion von Rom – vor immerhin 15.948 Zuschauerinnen und Zuschauern.

Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass mich das EM-Fieber gepackt hat. Aber tatsächlich habe ich mich selten so auf ein Fußballturnier gefreut wie auf dieses – ja, auch wenn die Uefa ein korrupter Haufen ist und Fußball eine so durchkommerzialisierte Sportart, dass man an manchen Tagen die Lust daran verliert. Aber all das ist mir in diesem Sommer völlig schnuppe. In diesem Sommer werde ich all das ignorieren, ich werde mich mitreißen lassen, mich am kleinsten Detail erfreuen. Und vor allem werde ich reisen: mit den berichterstattenden Kolleginnen und Kollegen in Städte und Stadien, in denen ich noch nie war und voraussichtlich auch diesen Sommer nicht besuchen kann, weil wir als Familie wohl erst wieder damit beginnen, wenn es einen Impfstoff für die unter Sechsjährigen gibt. Weshalb für mich diese EM wie gerufen kommt.

EM kommt genau richtig für einen unvergesslichen Sommer

Ich freue mich auf kniende Engländer, die den Buhrufen trotzen, auf die walisische Nationalhymne, überhaupt die ganzen Hymnen und stolzen Gesichter, auf das Ausfüllen des Turnierplans, auf den Zauber der ersten Tage, wenn man kaum rauskommt aus dem Spielegucken und seine heimlichen Favoriten entdeckt und mit ihnen hofft und siegt und leidet und verliert. Ich freue mich auf den unaussprechlichsten Namen, die Youngster und die Routiniers, für die ich allein schon deshalb ein Herz habe, weil auch ich vor einigen Jahren die Seiten wechseln musste. Ich freue mich auf Fernseher in geöffneten Fenstern, auf Menschen vor Bars und Restaurants, auf das Leben, das jetzt so langsam zurückkommt und das ich die vergangenen Monate so schmerzlich vermisst habe.

Eigentlich hätte diese EM gar nicht besser liegen können. Und so langsam glaube ich tatsächlich daran: dass dieser Sommer ein unvergesslicher wird. Allein schon deshalb, weil wir es alle bis hierhin geschafft haben.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung