Meinung
Kolumne Sportplatz

Und wo kommst du eigentlich her?

| Lesedauer: 4 Minuten
Iris Mydlach
Iris Mydlach ist stellvertretende Leiterin der Abendblatt-Sportredaktion

Iris Mydlach ist stellvertretende Leiterin der Abendblatt-Sportredaktion

Foto: Mark Sandten

Die Frage nach der Herkunft eines Sportlers ist zutiefst privat. Doch auch in dieser Woche wird es wieder oft um diese Frage gehen.

Hamburg. Gleich zwei bedeutende internationale Fußballturniere werden in dieser Woche ausgetragen: die Qualifikation für die Winter-Weltmeisterschaft 2022 in Katar und die U-21-Europameisterschaft der Männer, und natürlich wird es auch bei diesen beiden Großereignissen wieder um die Frage gehen: Wer kommt woher? Das liegt ein bisschen in der Natur der Sache, denn wenn verschiedene Nationalitäten aufeinandertreffen, dann spielen Zugehörigkeiten eine große Rolle. Allerdings: bei den einen mehr, bei den anderen weniger.

Es gehört zu unserer DNA, dass wir die Welt durch Filter wahrnehmen, sonst hätten wir es evolutionär nicht dahin gebracht, wo wir jetzt sind. Vorurteile helfen uns, die Komplexität dieser Welt einigermaßen sortiert zu bekommen. Allerdings haben diese Filter auch Nachteile. Sie lassen uns die Welt durch die Brille unbewusster Vorurteile wahrnehmen, „unconscious bias“ nennt das die Forschung, und niemand, wirklich niemand ist frei davon.

Es gibt einen interessanten Test auf der Homepage der Harvard-Universität, er ist kostenlos und dauert nur ein paar Minuten. Wer ihn absolviert hat, ist im besten Fall überrascht, im schlimmsten Fall entgeistert angesichts der vielen Vorurteile, die wir, die auch ich noch immer in mir habe, obwohl ich mich doch eigentlich für völlig antirassistisch, ja eben: unvoreingenommen halte.

Auf dem Fußballplatz, so heißt es oft, sind alle gleich

Auf dem Fußballplatz, so heißt es oft, sind alle gleich, egal aus welchem Land ein Spieler kommt, welche Hautfarbe er hat, welcher Religion er angehört. Doch wer die Sportteile der Tageszeitungen (auch dieser) liest oder den Sportkommentatoren zuhört, merkt schnell, dass dieser Satz so nicht ganz stimmt. Neulich gab es mal wieder ein gutes Beispiel, als der HSV gegen Holstein Kiel spielte. 24. Spieltag, 80. Minute, Ogechika Heil kam für Bakery Jatta ins Spiel, und Sky-Co-Kommentator Torsten Mattuschka ließ umgehend das Stichwort Nigeria fallen – Heils Vornamen würde er auf jeden Fall dorthin verorten.

Ogechika Heil ist in Kassel geboren und in Deutschland aufgewachsen, man darf wohl annehmen, dass niemand in diesem Moment über seine Herkunft philosophiert hätte, würde sein Vorname Matthias, Nils oder Wolfgang lauten. Was um Himmels willen nicht bedeuten soll, dass „Tusche“ Mattuschka ein Rassist ist, und es ist immer wieder traurig, wenn sich am Ende die Diskussion – wie schon bei der Blitz-Entlassung von Sky-Kommentator Jörg Dahlmann vor rund einer Woche – nur wieder um diese eine Frage dreht.

Denn Mattuschka hat ja nur das getan, was wir Sportjournalistinnen und Sportjournalisten tagtäglich tun: (uns) nach der Herkunft eines Menschen fragen, der wegen seines Aussehens oder Namens irgendwie von anderswo kommen muss.

Die Frage nach der eigenen Herkunft ist eine zutiefst private

Das Problem, um das es geht, heißt in beiden Fällen nicht Rassismus. Sondern unbewusste Vorurteile und fehlendes Fingerspitzengefühl.

Die Frage nach der eigenen Herkunft ist eine zutiefst private, und nicht jeder hat Lust, sie ständig und dann auch noch in der Öffentlichkeit zu beantworten. Auf die Frage, wo sie denn herkomme, antwortet die Schwarze Topmanagerin Janina Kugel standardmäßig: „Na, durch diese Tür da.“ Klare Botschaft an den Fragesteller: Das geht dich nichts an.

Den richtigen Ton zu treffen, ist oft nicht leicht

Nun ist es aber so, dass sich im Sport die Frage nach der Herkunft öfter stellt als in anderen gesellschaftlichen Bereichen, die Vorberichterstattung zur U-21-EM in dieser Woche ist dafür ein gutes Beispiel – weil sich gleich mehrere junge Spieler zwischen zwei Nationalmannschaften entscheiden mussten. Aber genau das ist der Punkt: Es gab einen konkreten Anlass, über dieses Thema zu schreiben. Und niemand musste dafür seine Familiengeschichte preisgeben.

Den richtigen Ton bei alldem zu treffen, ist oftmals nicht leicht. Jörg Dahlmann – auch er mit Sicherheit kein Rassist – hat mit seiner Umschreibung Japans als „Land der Sushis“ nicht gerade Fingerspitzengefühl bewiesen. Und das braucht es tatsächlich, um den vielschichtigen Themen einer multikulturellen Gesellschaft gerecht zu werden. Auch und vor allem im Fußball.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung