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Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Die Lehren aus Magdeburg

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Miriam Hollstein
Miriam Hollstein, Chefreporterin Politik

Miriam Hollstein, Chefreporterin Politik

Foto: David Hollstein

Aus dem Ergebnis der Wahl in Sachsen-Anhalt lassen sich fünf Lektionen ableiten. Eine lautet: Demoskopen sind keine Propheten.

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat für viele Überraschungsmomente gesorgt. Und während sich einige im politischen Berlin noch ungläubig die Augen reiben, zeigen detaillierte Analysen, dass sich für die Zukunft fünf Lehren aus dieser Abstimmung ziehen lassen.

Etwa die, dass Ehrlichkeit und Authentizität manchmal wichtiger sind als Charisma. In der Riege der Ministerpräsidenten fällt Reiner Haseloff selten auf. Er hat nichts von einem scharfsinnigen Lautsprecher wie Markus Söder, der mit seiner Bierzelt-Rhetorik ganze Bundesparteitage in seinen Bann ziehen kann. Aber auch die Rolle des älteren Staatsmanns wie Volker Bouffier liegt ihm nicht. Haseloff steht für eine fast altmodisch anmutende Bodenständigkeit. Nie ließ er Zweifel daran, dass es mit ihm keine Zusammenarbeit mit der AfD geben wird. Seinen Innenminister feuerte er, als dieser mit dem Modell einer von der AfD tolerierten CDU-Minderheitsregierung flirtete. Haseloff wirkt wie der Nachbar von nebenan, mit dem man auch mal über „die da oben“ meckern kann, der aber immer sein Wort hält. Das war den Wählern wichtiger als fulminante Auftritte.

CDU und AfD: Meinungsforscher prognostizierten Kopf-an-Kopf-Rennen

Wieder einmal gezeigt hat sich in Magdeburg zudem, dass Demoskopen keine Propheten sind. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD hatten zahlreiche Meinungsforschungsinstitute prognostiziert. Am Ende lagen die Christdemokraten über 16 Prozentpunkte vor der AfD. Besonders heftig daneben griffen die Meinungsforscher von Insa: Sie sahen in einer Ende Mai veröffentlichten Umfrage die AfD sogar knapp vor der CDU. Umfragen können lediglich den Moment beschreiben, aber keine Wahlergebnisse vorhersagen. Hinzu kommt, dass jedes Institut die Umfrageresultate noch einmal nach einem eigenen System gewichtet. Die Fehlertoleranz liegt bei drei Prozentpunkten. Das sollte auch in der Berichterstattung stärker berücksichtigt werden.

Nicht ganz neu ist die Erkenntnis, dass Frauen sich von extremen Parteien und Positionen deutlich weniger angezogen fühlen als Männer. In Sachsen-Anhalt stimmten 29 Prozent der männlichen Wähler für die AfD, aber nur 18 Prozent der Wählerinnen. Dieses Muster zeigt sich immer wieder. Das sollte mit Blick auf die Bundestagswahl eine Mahnung sein: Von den rund 60,4 Millionen Wahlberechtigten sind 31,2 Millionen Frauen.

Die SPD ist eine Partei ohne Stammwählerschaft

Feststellen lässt sich auch, dass die AfD nicht so schnell wieder aus dem politischen System verschwinden wird. In Sachsen-Anhalt hat sie zwar Stimmen eingebüßt, aber immer noch jeden fünften Wähler für sich gewonnen. Und das, obwohl der Landesverband selbst für AfD-Verhältnisse rechts ist. Seit Jahresbeginn wird er vom Verfassungsschutz beobachtet; die Fraktion beschäftigt Mitarbeiter, die früher Mitglieder in rechtsextremen Organisationen waren. Konsequenzen gab es keine. Die Kernwähler der AfD stört das nicht.

Die SPD wiederum nimmt die bittere Erkenntnis mit, dass sie eine Partei ohne Stammwählerschaft geworden ist. 1998 kam sie dort noch auf 35,7 Prozent. Diesmal schaffte sie nicht einmal ein zweistelliges Ergebnis. Im Bund dümpelt sie bei 16 Prozent. Der Absturz hat auch damit zu tun, dass die einstige Arbeiterpartei noch keine neue Identität gefunden hat, mit der sie überzeugen kann. Nicht einmal bei ihrem Herzensthema „soziale Gerechtigkeit“ wird sie von den Wählern noch ernst genommen.

Die wichtigste Lektion aus Magdeburg ist aber vielleicht diese: Selbst ein nur 2,2 Millionen Einwohner zählendes Land kann einer Volkspartei neue Hoffnung aufs Kanzleramt bringen. In Berlin sollte man sich den arroganten Blick auf die Provinz künftig besser verkneifen.

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