Meinung
Post aus Washington

Verlagsmitarbeiter wollen Buch von Trump-Vize stoppen

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Hautkapp

200 Angestellte einer US-Tochter von Bertelsmann versuchen per Petition, die Memoiren von Mike Pence zu verhindern.

Kennen Sie „Simon & Schuster“? Wenn nicht, empfehle ich, einen der größten und erfolgreichsten Buchverlage in den USA, den sich unlängst der deutsche Medienriese Bertelsmann für 2,2 Milliarden Dollar einverleibt hat, in den nächsten Wochen genauer zu beobachten.

Das Verlagshaus ist Schauplatz einer ohne Bandagen geführten Debatte, welche Autoren man in den nach vier Trump-Jahren psychisch wundgescheuerten Vereinigten Staaten zwischen Buchdeckel pressen darf, um damit Millionen zu verdienen – und welche besser nicht.

Angestellte von Bertelsmann-Tochter starten Petition

Ginge es nach mehr als 200 Angestellten (14 Prozent der Belegschaft) des in New Yorks ansässigen Hauses, die in in ihrem Anliegen von einigen preisgekrönten Autoren und 3500 Zaungästen unterstützt werden, dann sollten die Bosse um Jonathan Karp und Dana Canedy auf jeden Fall die Finger von Mike Pence lassen. Der bigotte, andere sagen ehrfürchtig gottgläubige Mann aus Indiana reiht sich in die lange Liste derer ein, die ihre Zeit mit Donald Trump im Weißen Haus nachträglich vergolden möchten.

Ex-Vizepräsident Pence sogar doppelt. Für die beiden Werke, zunächst 2023 etwas Autobiografisches vermutlich entlang der Linie Wie-ich-mit-Donald-Trump-Amerika-wieder-groß-gemacht-habe, soll Pence einen Vorschuss zwischen drei und vier Millionen Dollar kassiert haben, berichten US-Medien.

Mitarbeiter wollen Pence keine Plattform bieten

Viele Simon & Schuster-Mitarbeiter halten das für ein Ding der Unmöglichkeit. Aus ihrer Sicht würde damit einem Rassisten, Antisemiten, Sexisten, Schwulenhasser und Fremdenfeind eine Plattform geboten. Eine entsprechende Petition betont, dass es in den USA gewiss das in der Verfassung hochrangig aufgehängte Recht auf freie Meinungsäußerung gebe – aber nicht die Verpflichtung eines Verlages, das Gedankengut eines „Extremisten“ wie Pence unter die Leute zu bringen.

CEO Karp hält dem entgegen: „Wir kommen jeden Tag zur Arbeit, um Bücher zu veröffentlichen, nicht um sie zu canceln.“ Bei Pence’ Arbeit in spe, sekundierte Dana Canedy, die erste Afroamerikanerin an der Spitze eines Topverlages, handele es sich um das „definitive Buch über eine der folgenreichsten Präsidentschaften der amerikanischen Geschichte. „Definitiv“? Nachdem, was in der vergangenen Woche in Columbia/South Carolina geschah, ist das auf Anhieb nicht ganz nachvollziehbar.

Pence war dort zum ersten Mal seit dem Ausscheiden aus dem Amt Mitte Januar öffentlich aufgetaucht. Vor seiner Rede beim „Palmetto Family Council“, einer sozial-konservativen Vereinigung von Christen, wurde darüber spekuliert, ob der 61-Jährige endlich Klartext sprechen würde über sich, seine Rolle und die von Donald Trump am 6. Januar; dem Tag der Erstürmung der Kapitols durch Hunderte militante Trump-Anhänger, die auf Teufel komm raus Joe Biden als Präsidenten verhindern wollten.

Notfalls, indem sie Repräsentanten des Staates, die an diesem eiskalten Wintertag den Buchstaben der Verfassung folgend im Kongress den 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten zu beglaubigen hatten, töten würden. „Hang Mike Pence!“, die infamen Sprechchöre marodierender Rechtsterroristen, verursachen vielen Amerikanern noch heute Gänsehaut.

Pence spricht über "die größte Ehre" seines Lebens

Aber weit gefehlt: Pence verlor kein einziges kritisches Wort über den von Trump inspirierten Zwergenaufstand. Noch darüber, dass der rachsüchtige Ex-Präsident ihn, Pence, bis heute dafür verantwortlich macht, dass der „Wahlbetrüger“ Biden im Weißen Haus sitzt. Stattdessen gab es die aus vier Jahren Vize-präsidentschaft gewohnte Liebesdienerei. An der Seite Trump das Land geführt zu haben sei „die größte Ehre meines Lebens“ gewesen, erklärte Pence und verdammte ansonsten den von der Bevölkerung mehrheitlich goutierten Start der Regierung von Joe Biden in den üblichen Klischee-Kategorien – von Sozialismusverdacht bis Freiheitsberaubung.

Die Speichelleckerei hat Gründe. Tritt Trump 2024 nicht ein zweites Mal für das Weiße Haus an, wird Pence sich voraussichtlich in die Spur begeben. Bis das geklärt ist, soll Trump, man weiß ja nie, nicht ohne Not gereizt werden. Bei dieser von Kalkül imprägnierten Ausgangslage stellt sich die Frage, ob sich die „Cancel Culture“ im Falle von Pence’ Buch nicht am falschen Objekt abrackert. Langweiliger und belangloser als die Memoiren von Mike Pence, prophezeien US-Kommentatoren, kann ein politisches Buch heutzutage kaum sein.

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