Meinung
Post aus Washington

Der amerikanische Waffenwahnsinn

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Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp vor dem Weißen Haus in Washington.

Dirk Hautkapp vor dem Weißen Haus in Washington.

Foto: Privat

Zwei weitere Massaker erschüttern die USA – doch wieder dürfte sich nichts ändern. Die Demokratin Gabrielle Giffers gibt nicht auf.

Kennen sie Gabrielle „Gabby“ Giffords? Wenn nicht, empfehle ich die frühere Kongressabgeordnete in diesen – nach zwei Schusswaffen-Massakern mit 18 Toten – in Amerika aufgewühlten Tagen genauer in Augenschein zu nehmen. Die 50-jährige Demokratin ist die Heldin in einem Drama, das Amerika im Würgegriff hält. „Wir sind eine Nation, die von Waffen überschwemmt ist und keine angemessenen Gesetze hat, um uns davor zu schützen“, sagte die Ehefrau des früheren Nasa-Astronauten und heutigem Senator Mark Kelly, als die Nachricht aus Boulder/Colorado die Runde machte.

In einem Supermarkt hatte ein 21-Jähriger Amerikaner mit syrischen Wurzeln mit einem Schnellfeuergewehr zehn Menschen niedergemäht. Für Giffords ein furchtbares Déjà-vu. Im Januar 2011 hielt Giffords auf einem Parkplatz in ihrer Heimatstadt Tucson/Arizona ihre Bürgersprechstunde ab. Als plötzlich der geistig verwirrte Jared Lee Loughner eine Pistole zückte, sechs Menschen tötete und 13 weitere schwer verletzte. Giffords schoss er in den Kopf. Dass sie überlebte, war ein Wunder.

Gifford: Vorabtauglichkeitsprüfungen für Waffenkäufer

Eine Dekade danach hält Gifford immer noch die Forderung nach lü­ckenlosen Vorabtauglichkeitsprüfungen potenzieller Waffenkäufer und Wartezeiten vor dem ersten Waffengebrauch. Warum? Weil trotz Dutzenden neuer Massaker und Amokläufen mit Hunderten Toten nicht viel geschehen ist.

Weil sich nach jeder Tragödie mit grausamer Berechenbarkeit dasselbe Ritual ereignet. Politiker tun schockiert. Politiker schicken den Opfer-Familien Gebete. Politiker rufen nach schärferen Gesetzen. Politiker setzen Flaggen auf halbmast. Politiker reden sich und dem auseinanderdriftenden Volk ein, dass man gerade jetzt eng zusammenstehen müsse – bis zum nächsten „mass shooting“.

Immer wieder Tragödien durch lockere Waffengesetze

Nach bald zehn Korrespondenten-Jahren in den USA reagiere ich auf diese Rituale allergisch. Ich war in dem Kino in Aurora/Colorado, in dem 2012 zwölf Menschen bei einer „Batman“-Vorführung starben. Ich war im selben Jahr in Newtown/Connecticut, wo in einer Grundschule 20 Kinder und sechs Lehrer starben. Ich habe mit dem Vater eines der Opfer von Columbine, einer Highschool in Littleton/Colorado, an der Gedenkstätte für seinen 1999 von Schülern erschossenen Sohn getrauert.

Ich war 2016 am Tag danach mit Freunden der 49 Partygänger zusammen, die in Orlando im Nachtklub „Pulse“ zum letzten Mal tanzten. Ich habe 2018 einem Rabbi der „Tree of Life“-Synagoge in Pittsburgh gegenübergesessen, wo ein Antisemit zwölf Menschen den Tod brachte. Keine dieser Tragödien hat dazu geführt, dass sich eine parlamentarische Mehrheit der Vernunft findet, die der pathologischen Symbiose, in der Amerika mit seinem Waffenkult lebt, per Gesetz tatsächlich ein Ende bereitet. Die Republikaner stehen im Weg. Und mehr als 300 Millionen Waffen in Privatbesitz.

Mehrheit der Amerikaner für Verschärfung der Waffengesetze

Obwohl eine stabile Mehrheit der Amerikaner in Umfragen für Verschärfungen der durch die Verfassung besonders geschützten Waffengesetze ist. Obwohl eine Mehrheit den Schnack der Waffen-Lobby NRA als fahrlässig und töricht erkannt hat, wonach gegen einen bösen Menschen mit einer Waffe nur ein guter Mensch mit einer Waffe helfe. Die Endlosschleife von Enttäuschungen hat viele Amerikaner abstumpfen lassen.

Als hätte man sich mit den weltweit einzigartig hohen Todeszahlen durch Waffengewalt arrangiert. Gabrielle Giffords ist anders. Ihr grenzenloser Optimismus, dass irgendwann doch die Einsicht einzieht, verbietet ihr zu resignieren. „Es ist nicht zu spät, die Richtung unseres Landes zu ändern“, hat sie gerade geschrieben, „es ist nicht zu spät, der hasserfüllten Gewalt ein Ende zu bereiten.“ Hoffentlich behält sie recht.

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