Meinung
Leitartikel

Corona-Lockdown: Durchhalten, Hamburg!

| Lesedauer: 4 Minuten
Andreas Dey
Andreas Dey ist Redakteur im Ressort Landespolitik.

Andreas Dey ist Redakteur im Ressort Landespolitik.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Wer vorschnell Lockerungen fordert, gefährdet den Erfolg einer umsichtigen Strategie. Tschentscher erfasste die Corona-Lage richtig.

Hamburg. Es gibt Menschen, und es sind wohl gar nicht so wenige, die den Ausweg aus dieser verdammten Pandemie in möglichst raschen Lockerungen sehen. Schule und Kita für alle Kinder, Hotels und Restaurants wieder öffnen, weg mit der Ausgangssperre und den lästigen Kontaktbeschränkungen. Man kann es ihnen nicht verdenken – wer wünscht sich nicht sehnlich sein altes Leben zurück.

Und doch muss man klar widersprechen: Wer jetzt nach schnellen Lockerungen ruft, verschafft den Menschen nicht mehr Freiheit, sondern er wird genau das Gegenteil heraufbeschwören. Eine mögliche vierte oder zumindest die Verlängerung der dritten Welle, einen Endlos-Lockdown bis weit in den Sommer hinein. Freunde treffen, Essen gehen, vielleicht sogar ein Sommerurlaub ? Können wir uns dann alles abschminken.

Inzidenz in Hamburg unter 100

Ja, das RKI meldet für Hamburg seit zwei Tagen eine Inzidenz von unter 100. Und ja: Bleibt das noch drei Werktage so, könnte Hamburg nach den Regeln der Bundes-Notbremse die Ausgangssperre und andere Beschränkungen wieder außer Kraft setzen. Der Senat um Bürgermeister Peter Tschentscher verlässt sich hingegen auf „seine“ Zahlen, die zwar auch zurückgehen, aber eben noch über 100 liegen, und zögert mit Lockerungen – und er tut gut daran.

Denn zum einen sind die Hamburger Daten schlicht verlässlicher und realistischer. Wie sie zustande kommen, kann jeder Bürger nachvollziehen, jede Entwicklung nach oben oder unten ist plausibel. Ganz anders die RKI-Daten: Obwohl das Institut genau dieselben Zahlen übermittelt bekommt, weist es mitunter völlig rätselhafte Werte aus. Wer politische Entscheidungen begründen muss, hat mit den Hamburger Daten daher eine stabilere Basis.

Warnungen vor zweiter Corona-Welle nicht ernst genommen

Viel entscheidender ist jedoch der zweite Grund: Dieses Land hat einen verheerenden Fehler begangen, als es im vergangenen September die Warnungen vor einer zweiten Corona-Welle zu lange nicht ernst genommen hat. Zehntausende Tote, vor allem in den Altenheimen, waren die bittere Folge.

Ließ sich dieses Versäumnis gerade noch damit erklären, dass sich bis dahin kaum jemand vorstellen konnte, mit welcher Wucht ein besiegt geglaubtes Virus zurückkehren kann, war der nächste Fehler unverzeihlich: Schon im Februar haben sämtliche Experten vor der britischen Mutation und einer dritten Welle gewarnt. Doch die Wahlkämpfer in den Ländern ließen die Mahner einmal mehr abblitzen. Die Bürger, so ihre Verdrehung der Umfragen, würden mehr Freiheiten erwarten.

Tschentscher erfasste Lage richtig

Lockern in eine Infektionswelle hinein – das konnte nur schiefgehen. Und es ging gewaltig schief. Und nur deshalb sind wir jetzt immer noch in diesem unendlichen Lockdown gefangen. Einer der wenigen neben der Bundeskanzlerin, der die Lage richtig erfasst hatte, war Peter Tschentscher.

Hamburgs Bürgermeister hat den Überbietungswettkampf beim Lockermachen Anfang März nicht mitgemacht, und er hat, härter als andere Länder-Chefs, sofort die Notbremse gezogen, als Hamburg sich nur der 100-Inzidenz genähert hatte. Das Ergebnis: Während fast alle anderen Länder steigende Zahlen aufweisen, glänzt nur Hamburg mit einem stetigen Rückgang.

Erfolg der Hamburger nicht gefährden

Wenn der Trend noch ein paar Tage anhält, liegen wir auch nach „unseren“ Daten unter 100, und dann können wir uns ernsthaft über erste Lockerungen unterhalten. Und die dann hoffentlich auch durchhalten. Aber diesen Erfolg, den sich die Hamburger hart erarbeitet haben, gilt es jetzt erst einmal ins Ziel zu bringen. Auf Basis fragwürdiger RKI-Werte vorschnell die Bremse zu lösen würde das ganze Projekt gefährden.

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