Meinung
Leitartikel

Die Verkehrspolitik entwächst den ideologischen Gräben

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Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Beim Radverkehrsgipfel in Hamburg hat sich nicht nur die Zahl der Teilnehmer mehr als verdreifacht, sondern auch die Tonalität.

Hamburg. Früher war die Sache klar. Beim 7. Nationalen Radverkehrsgipfel erinnerten viele Politiker an die alten Zeiten, die nicht gut waren: Als Abgeordnete den Parlamentskreis Fahrrad im Deutschen Bundestag gründeten, spotteten manche Kollegen über einen „Hobbykreis“ und belächelten die Parlamentarier, die sich um ein Orchideenfach wie das Radeln kümmern wollten.

Inzwischen ist alles anders: Beim 7. Nationalen Radverkehrskongress in Hamburg hat sich nicht nur die Zahl der Teilnehmer mehr als verdreifacht, sondern auch die Tonalität: Eine ganz große Koalition von Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) über Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) bis hin zu Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer stimmte das Hohelied aufs Fahrrad an.

Grabenkämpfe zwischen Automobilisten und Radlern scheinen überwunden

Der CSU-Politiker schwärmte von Deutschland als „Fahrradland“ und lobte die Möglichkeiten des Lastenrades, das viele bis vor Kurzem für eine spinnerte Idee von Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) gehalten hatten.

Kein Zweifel: Das Velo ist en vogue. Die alten Grabenkämpfe zwischen Automobilisten und Radlern scheinen überwunden, dem Fahrrad gehört in den Städten die Zukunft. Zu dieser Erkenntnis hat nicht nur der Klimawandel beigetragen, sondern auch Corona. In der Pandemie haben viele Menschen das Fahrrad für sich neu entdeckt – plötzlich war möglich, was zuvor undenkbar schien: Hauptverkehrsstraßen bekamen provisorische Radstreifen, Verkehrsflächen wurden zu Lebensräumen.

Skurrile Forderungen

Wie so oft beim Umschwung, wollen alle nicht nur die Väter des Erfolgs, sondern auch die Mütter der Idee sein: An­dreas Scheuer sprach von einer „kleinen Revolution“ und Bürgermeister Peter Tschentscher erwähnte gleich zweimal, dass seit 2011 – also dem Jahr, in dem Olaf Scholz Bürgermeister wurde – sich Hamburg zur Radfahrerstadt gemausert hat.

Der Fairness halber sei erwähnt: In seiner Regierungserklärung vom März 2011 streifte Scholz das Fahrrad nur mit zwei kargen Sätzen in seinem 31 Seiten starken Manuskript. Zur gleichen Zeit fielen CSU-Bundesverkehrsminister vor allem durch skurrile Forderungen nach einer Helmpflicht oder durch Attacken auf „Kampf-Radler“ auf. Nein, das Copyright für eine Fahrradpolitik liegt bei den Grünen.

Ein Umlenken liegt im Interesse aller

Aber gut, dass jetzt alle großen Parteien an einem Strang ziehen: Das hilft, nach der einseitigen Ideologie, die das Auto allüberall für das Maß aller Dinge hielt, nicht in eine einseitige Zweiradideologie zu verfallen. Auch das Auto wird vorerst noch gebraucht – nicht jeder Senior kann in den Sattel steigen, nicht jeder Handwerker auf seinen Wagen verzichten, und Container sind zu groß fürs Lastenrad.

Aber ein Umlenken liegt im Interesse aller. Ein jeder, der aufs Fahrrad wechselt, entlastet die überfüllten Straßen der Stadt. Hamburg hat im vergangenen Jahrzehnt 140.000 neue Einwohner gewonnen, ohne dass das Verkehrsnetz im gleichen Maß mitwachsen konnte. In Zeiten der Klimakrise müssen Radler zukünftig bevorzugt werden.

Der Umbau kann den Horizont erweitern

Das liegt nicht nur im Interesse jedes Einzelnen, sondern auch im Interesse der Stadt. Verkehrssenator Anjes Tjarks fragt zu Recht, warum die Menschen Städte wie Kopenhagen oder Amsterdam lieben. Die autogerechte Stadt gleicht einem Moloch – erst das Fahrrad schrumpft Me­tropolen auf ein menschliches Maß.

Der Hamburger Weg dorthin kann nur über Kompromisse erfolgen und muss Mehrheiten mitnehmen. Der Umbau wird die Stadt nicht bremsen, sondern kann den Horizont erweitern. Durch attraktive Velorouten, Schnellwege und kluge Ampelschaltungen steigen immer mehr Menschen um aufs Rad – der Wandel wird im besten Sinne erfahrbar.

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