Meinung
Deutschstunde

Das Perfekt ist dem Imperfekt sein Tod

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt
hier an jedem
Dienstag über
die Tücken
der deutschen
Sprache.

Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: HA

Die Vergangenheit ist leichter zu ertragen als die Grammatik der Vergangenheit. Und: Warum die Wespe im Präsens angreift.

Hamburg. Es mutet wie eine Geschichte aus fernen Zeiten an, wenn wir von der maskenlosen Freiheit vor der Pandemie berichten, als ehrenamtliche Deutschlehrer und erwachsene Deutschschüler sich noch am Wohnzimmertisch zur Nachhilfestunde treffen durften. Damals sprach mich ein pensionierter Amtsrat an und bat um Hilfe. Er bereite einen Asylbewerber auf die Deutsch-Prüfung vor. Dessen Frage, wann man das Präteritum (Vergangenheit) und wann das Perfekt (vollendete Gegenwart) benutze, habe er nicht verständlich beantworten können.

Natürlich war ich gern bereit, meinen bescheidenen Beitrag zur Integration zu leisten, und ich verdrängte schnell den unziemlichen Gedanken, dass einem Asylbewerber statt mit den Feinheiten der sprachwissenschaftlichen Tempora (Zeiten) mit ein paar praxisnahen deutschen Sätzen mehr geholfen wäre. Doch je genauer ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde, dass ich als Muttersprachler die Zeitformen der Vergangenheit rein intuitiv benutzt hatte. Heißt es „Mehmet hat Deutsch gelernt“ oder „Mehmet lernte Deutsch“?

Enkel nicht verwirren

Als Erstes müssen wir einige Begriffe klären. Das Präteritum ist die Zeitform der Vergangenheit aus lat. tempus praeteritum (vergangene Zeit). Früher war das Präteritum der Oberbegriff für alle Zeitformen der Vergangenheit (Perfekt, Imperfekt, Plusquamperfekt), heute benutzen Sprachbücher den Fachbegriff „Präteritum“ für das Imperfekt (die Vergangenheit). Um unsere Enkel nicht beim Homeschooling auf dem Tablet zu verwirren, wollen wir dabeibleiben.

Das Präteritum ist eine Zeitform des Verbs, die ausdrückt, dass das Geschehen vom Standpunkt des Sprechers aus keinen direkten Bezug zur Sprechzeit hat. Es vermittelt Distanz und versetzt den Leser oder Hörer in die Vergangenheit. Das Präteritum ist das Haupttempus in allen schriftlichen Erzählungen und Berichten, die von einem erdachten oder wirklichen Geschehen handeln: Old Shatterhand „ergriff“ Winnetous Hand und „sah“ dem Häuptling tief in die Augen.

Präteritum wird immer mehr zu einem Tempus der geschriebenen Sprache

Allerdings wird das Präteritum immer mehr zu einem Tempus der geschriebenen Sprache. Südlich vom Main ist es angeblich in der Umgangssprache bereits ausgestorben. In diesen Gebieten muss der Sprecher auf das Perfekt als Vergangenheitsform ausweichen. Da sich welsche Unarten der Sprache nach Norden durchzufressen pflegen, sind auch wir von dieser Entwicklung betroffen. Bastian Sick würde sagen: Das Perfekt ist dem Imperfekt sein Tod.

Das Perfekt aus lat. perfectum tempus (vollendete Zeit) heißt auf Deutsch Vorgegenwart, vollendete Gegenwart oder Präsensperfekt und ist die Zeitform, mit der ein verbales Geschehen oder Sein aus der Sicht des Sprechenden als vollendet charakterisiert wird. „Papa singt“ ist Gegenwart, wir hören es, unsere Ohren schmerzen, bei „Papa hat gesungen“ ist der Gesang glücklicherweise vollendet und vorbei.

Bedeutungsunterschied bei den Tempora

Dennoch besteht bei den Tempora ein Bedeutungsunterschied. Während das Präteritum in der Vergangenheit eingekapselt ist wie Karl May im Wilden Westen, vermittelt das Perfekt häufig einen Bezug zur Gegenwart. Der vom Partizip II bezeichnete Zustand dauert fort oder bleibt von Bedeutung. Mutter schaut morgens aus dem Fenster: „Es hat geschneit“, ruft sie und sieht die weiße Pracht. Vater muss Schnee schippen. Sagt sie aber: „Heute Nacht schneite es“, so ist bereits alles weggetaut und die Angelegenheit erledigt. Vater kann in Ruhe sein Abendblatt zu Ende lesen.

Eine Ausnahme bildet das „historische Präsens“, der plötzliche Sprung in die Zeitform der Gegenwart, obwohl längst Vergangenes berichtet wird: Ich „lag“ auf der Terrasse und „ärgerte“ mich über den HSV, als plötzlich ein gelbes Insekt auf mich „herabstürzt“ und mich in den Arm „sticht“. Der Angriff der Wespe geschah in der Vergangenheit, erfolgte aber so überraschend, dass er zur Steigerung der Spannung in der Zeitform der Gegenwart erzählt wird.

Mehr Gelassenheit bei vermeintlichen Fehlermeldungen

Das ist stilistisch korrekt und vor allem bei Zeitungsüberschriften gang und gäbe: BMW-Fahrer „ertrinkt“ in der Elbe. Ich habe mich – ohnehin leicht angeschlagen – nach 60 Jahren im Journalismus nun entschlossen, in Zukunft auf derartige vermeintliche Fehlermeldungen nicht mehr zu reagieren.

deutschstunde@t-online.de

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