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Hamburger Kritiken

Warum wir nun Hausarrest bekommen

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken beleuchtet
jedes Wochenende
in seiner Kolumne
Hamburg und die Welt.

Matthias Iken beleuchtet jedes Wochenende in seiner Kolumne Hamburg und die Welt.

Foto: Andreas Laible

Wir streiten über die Notbremse und Verfassungsklagen und vergessen, weshalb das alles nötig ist.

Hamburg. Claus Kleber ist schuld. Eigentlich wollte ich nicht mehr über Corona schreiben. Die Pandemie erschöpft nicht nur die Menschen, sondern auch den Kolumnisten. Ich wollte es eher wie der britische Medizinhistoriker Mark Honigsbaum halten. Der sagte der „Zeit“, Pandemien endeten nicht nur medizinisch, sondern auch in gesellschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht: „Und das ist erst der Fall, wenn die Menschen nicht mehr darüber reden.“

Leider sind wir davon weit entfernt: Wenn man sich im deutschen Fernsehen umschaut, dürfte es sogar noch sehr lange dauern. Weiterhin regiert die Angst. Ein Beispiel: Seit Monaten wird überall über PIMS gesprochen, gesendet und geschrieben, einer gefährlichen, aber seltenen Folgeerkrankung von Corona für Kinder. Allein im News-Bereich meldet Google 15.100 Treffer.

1259 Kinder mussten ins Krankenhaus

Fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit blieb hingegen die aktuelle Auswertung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Sie kam nur auf wenige Treffer. Darin heißt es: „Die Nachrichten erwecken den Eindruck, als würden Kinder und Jugendliche zu den besonders gefährdeten Teilen der Bevölkerung im Rahmen der Sars-CoV-2-Pandemie gehören“, heißt es da.

Die Fakten sähen anders aus: 1259 Kinder mussten ins Krankenhaus, „bei vier Kindern wurde Covid-19 als Todesursache festgestellt“. Zum Vergleich: In der Grippesaison 2018/19 kamen 7461 Kinder unter 14 Jahren in die Klinik, neun Kinder starben. Haben Sie je davon gehört?

Trübt ein Tunnelblick unsere Wahrnehmung?

Ohne die Pandemie verharmlosen zu wollen: Trübt ein Tunnelblick unsere Wahrnehmung? Ja, verengt unsere Angst den Blickwinkel immer weiter? Im „heute journal“ bekam man am Mittwoch diesen Eindruck: Da legte Moderator Claus Kleber den FDP-Generalsekretär Volker Wissing auf den Grill, weil sich die Partei erdreistet hat, in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde gegen die Corona-Notbremse einzulegen.

„Was ist an Ausgangsbeschränkungen so schlimm?“, fragte Kleber. „Sind nicht 80.000 Tote ein ziemlich starkes Argument?“ Und: „Sind Sie bereit, Verantwortung zu übernehmen, wenn dann mehr Menschen sterben?“ Verabschiedet wurde Wissing mit dem Satz „Sie sagen häufig ,wütende Bürger‘“ – da wurde die FDP gekonnt ins Lager der Wutbürger, Querdenker, Aluhutträger und Verschwörungstheoretiker abgeschoben. Mit dem Zweiten sieht man nicht immer besser.

Impfversagen der Bundesregierung

Dabei wäre die spannendere Frage, warum wir nun bis Ende Juni in den härtesten aller bisherigen Lockdowns gehen, während das Ausland lockert – allen voran die Impfpioniere Großbritannien oder Israel. Verantwortlich ist, man muss es so hart sagen, das Impfversagen der Bundesregierung und der EU-Kommission. Das war keine Kleinigkeit, sondern ein tödlicher Fehler, der das Land, seine Menschen, seine Kultur und seine Unternehmen bis heute fesselt.

Als im März 2020 US-Präsident Donald Trump mit seiner üblichen Botschaft „America First“ sich das Know-how auch deutscher Firmen sichern wollte, passierte hierzulande wenig. Trump handelte, Berlin schlief: Als die Impfstoff-Entwickler in Oxford mit US-Anbieter Merck zusammengehen wollten, beharrte die britische Regierung auf einer Allianz mit dem einheimischen Konzern Astrazeneca.

Die EU dachte zu langsam

Die Briten wussten um den US-Impfstoff-Nationalismus. Als der US-Konzern Pfizer Partner bei Biontech wurde und sich der chinesische Konzern Fosun einkaufte, schaute unsere Regierung freundlich zu.

Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Juni 2020 mit Italien, Holland und Frankreich eine Impfstoffallianz gründen wollte, überstimmte ihn Kanzlerin Angela Merkel und drängte auf eine europäische Lösung. Nachvollziehbar, aber atemberaubend schlecht umgesetzt: Als die EU übernahm, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Die EU dachte zu langsam, agierte zu vorsichtig, verhandelte zu naiv. Es mutet seltsam an, warum es weder einen Untersuchungsausschuss gibt noch irgendein Verantwortlicher seinen Hut nehmen musste.

Deutschland hat beim Impftempo gewaltig aufgeholt

Immerhin, auch das gehört zur Wahrheit: Deutschland hat in den vergangenen Wochen beim Impftempo gewaltig aufgeholt und rangiert inzwischen unter der Top 25 weltweit. Das hat jeden Respekt verdient. Nur: Wenn wir jetzt bald große Teile des Landes abends unter Hausarrest stellen, ist das trotzdem kein Beleg großartiger Politik, sondern nur Eingeständnis des Versagens.

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