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Deutschstunde

Die Suche nach dem Sinn kann Unsinn sein

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Kolumne Deutschstunde

Kolumne Deutschstunde

Foto: HA

Wenn wir Verben nicht einheitlich schreiben dürfen, sondern „fühlen“ müssen, kommt die übertragene Bedeutung ins Spiel

Hamburg. Wenn zu meiner Zeit ein Lehrer zum Unterrichtsbeginn in die Klasse trat, durften wir nicht „sitzen bleiben“, sondern standen selbst als Oberprimaner auf, um ihn stehend zu begrüßen. Das gebot der Respekt und der Anstand. Als ich nun in der Redaktion bei Müttern und Vätern herumfragte, ob das auch heute in der Schule noch der Fall sei, erntete ich ungläubige Heiterkeit. Damals sollten wir mit zwei Fünfen in den Hauptfächern „sitzenbleiben“, da halfen kein Elternaufstand, keine Schulpsychologin, keine Tabletten und nicht einmal eine Klage vor dem Verwaltungsgericht.

Allerdings mussten wir in der Rechtschreibung unterscheiden, ob wir „sitzen blieben“, also den Hintern nicht hochbekamen, oder „sitzenblieben“, was bedeutete, am Ende des Schuljahres nicht versetzt zu werden. Blieben wir auf dem Stuhl hocken, so hatten wir es mit der wörtlichen Bedeutung des Verbs zu tun, mussten wir die Klasse jedoch wiederholen, so bekam das Sitzenbleiben eine übertragene Bedeutung.

Eine enorme Erleichterung der Rechtschreibung

Eine solche „Ehrenrunde“ wurde nicht nur im Sitzen abgewickelt, sondern war auch stehend, laufend und sich verschämt duckend mit allerlei Ärger verbunden. Diesen Bedeutungshintergrund sollte kennen, wer entscheiden musste, ob „sitzen bleiben“ oder „sitzenbleiben“ getrennt oder zusammengeschrieben werden musste. Das konnte aber nur derjenige, der Deutsch als Muttersprache nicht nur beherrschte, sondern auch fühlte, dessen Sprachgefühl den Unterschied zwischen der wörtlichen und der übertragenen Bedeutung im Inneren spürte. Die wenigen, die diese Regel einwandfrei beherrschten, brauchten kein Deutsch mehr zu lernen. Die konnten es schon.

Insofern war es eine der wichtigsten Taten der Rechtschreibreformer zu bestimmen, Verb und Verb seien immer getrennt zu schreiben. Immer! Ab 1996/98 schrieb man in den Schulen demnach „schwimmen gehen, sprechen lernen, spazieren fahren, lesen üben“ und sogar „kennen lernen, stehen lassen“ oder „liegen bleiben“. Diese Regel war eine enorme Erleichterung der Rechtschreibung. Die Schüler übernahmen sie ohne Schwierigkeiten, und wer dagegen an­moserte, versuchte meistens nur zu
kaschieren, dass er bereits die alte Schreibweise nicht beherrscht hatte.

Eine Fülle von fakultativen Schreibweisen

Nun gibt es in Deutschland jedoch keine Reform, die Lobbyisten, Vorstandsvorsitzende, pensionierte Konrektoren oder profilsüchtige Professoren nicht noch einmal zu reformieren trachten. 2004 trat auf Drängen eines bekannten Berliner Zeitungshauses der bunt zusammengewürfelte Rat für deutsche Rechtschreibung zusammen und machte das, was klar und einfach war, wieder kompliziert. Bei der Wortgruppe „Verb und Verb“ wurde die übertragene Bedeutung ausgegraben. Das ist widersinnig, denn wenn wir den Kontext eines Satzes benötigen, um die Schreibweise der Verben festzulegen, brauchen wir auch keine unterschiedliche Schreibweise, um den Sinn zu ergründen.

Glücklicherweise konnte der damals tödlich zerstrittene Rat aus Zeitmangel keinen größeren Flurschaden anrichten und konzentrierte sich deshalb auf die Verben „bleiben“ und „lassen“, bei denen er die Notwendigkeit der übertragenen Bedeutung erkannt zu haben glaubte. Seit 2006 ist es wieder ein Unterschied, ob wir den Sohn bis Mittag im Bett „liegen lassen“ oder die Arbeit „liegenlassen“ (nicht erledigen) bzw. ob wir „sitzen bleiben“ (auf dem Stuhl) oder „sitzenbleiben“ (nicht versetzt werden). Geradezu orthografisch vergewaltigt wurde die Fügung „kennen lernen“, die als Ausnahme von jeder Regel zusammengeschrieben werden sollte, weil es sich um einen einzigen Vorgang handele. Sicherlich wird es jeder Deutschschüler sofort einsehen, dass bei „schwimmen lernen“ zwei Tätigkeiten, bei „kennenlernen“ aber nur eine im Spiel ist …

Die Reform der Reform von 2006 setzte die Reform von 1996/98 jedoch nicht außer Kraft. Seitdem gibt es die Fülle der fakultativen Schreibweisen (nach eigener Wahl). Sie können Ihren Nachbarn also „kennenlernen“ oder „kennen lernen“, ganz wie Sie wollen. Danach schauten wir nicht in den Duden, um die Schreibweise nachzuschlagen, sondern um die gelb markierte empfohlene Fassung zu erforschen.

deutschstunde@t-online.de

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