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Olympia? Lasst es lieber sein!

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Andreas Hardt
Andreas Hardt ist freier Mitarbeiter in der Sportredaktion.

Andreas Hardt ist freier Mitarbeiter in der Sportredaktion.

Foto: HA / Klaus Bodig

Noch sind die Olympischen Spiele 2021 in Tokio nicht abgesagt. Aber wie werden sie aussehen? Warum eine Absage sinnvoll wäre.

Hamburg. Olympische Spiele sind nicht nur eine Abfolge von vielen WM-gleichen Wettkämpfen binnen 16 Tagen an einem Ort. Die Olympischen Spiele der Neuzeit sind ein Fest von Athletinnen und Athleten unterschiedlichster Disziplinen und Nationen, Identitäten und Religionen, eine Feier der sportlichen Völkerverständigung, ein großes Miteinander ohne Kontaktbeschränkungen.

Sie sind genauso ein Treffen der Fans aus aller Welt, gemeinsame Feiern, Leiden, Bekanntschaften machen, Kulturen erleben, Völker verstehen, Freundschaften schließen. Olympia in seiner ursprünglichen Idee und mittlerweile 125-jährigen Geschichte ist deshalb einzigartig.

Olympische Spiele noch nicht abgesagt

Noch stehen die Spiele der XXXII. Olympiade in Tokio vom 23. Juli bis 8. August im Kalender des internationalen Sports. Noch ist das Internationale Olympische Komitee (IOC) fest entschlossen, diese Veranstaltung durchzuziehen. Mit einem Jahr Verspätung, wie wir alle wissen. Noch konnte sich auch die japanische Regierung nicht dazu durchringen, die Spiele 2021 abzusagen.

Seit der Vergabe 2013 bereitet sich Tokio auf das größte Sportfest der Welt vor, ursprünglich stolz darauf nach 1964 zum zweiten Mal die „Jugend der Welt“ willkommen zu heißen, das eigene Land und seine Kultur zu präsentieren. Millionen Euro wurden investiert, um großartige Sportanlagen zu errichten, um die Infrastruktur zu erneuern. Olympische Spiele sind immer auch eine nationale Aufgabe – wenn sie denn nicht in einem autoritär geführten Land stattfinden wie die Sommerspiele 2008 und die Winterspiele 2022 in Peking oder die Winterspiele 2014 in Sotschi. Auch die Bevölkerung mitzunehmen, zu begeistern gehört zu diesem Freudenfest des Sports dazu.

Coronazahlen in Japan steigen

Aber schon da kneift es aktuell. Laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur „Kyodo“ von Ende März 2021 wollen nur noch 23,2 Prozent der Japanerinnen und Japaner, dass die Spiele wie
geplant stattfinden, rund 72 Prozent der Befragten sprachen sich für eine Verlegung oder Absage der Spiele aus.

Derzeit steigen zudem die Covid-19-Fälle in Japan wieder an, das Impfprogramm kommt nur schleppend voran, weniger als ein Prozent der rund 126 Millionen Japaner wurde bislang geimpft. Da ist es keine Überraschung, dass aktuell sogar aus Regierungskreisen erste Zweifel zu hören sind. „Wir müssen die Spiele ohne Zögern absagen, wenn sie nicht länger möglich sind“, sagte Toshihiro Nikai, der Generalsekretär der Liberaldemokratischen Regierungspartei LDP: „Wenn die Corona-Infektionen wegen Olympia steigen, weiß ich nicht, wofür die Spiele gut sein sollen.“

Keine internationalen Zuschauer

Internationale Zuschauer sind bereits ausgeschlossen, mittlerweile wird sogar ein Verbot für das heimische Publikum diskutiert. Die „Playbooks“ des IOC, die Verhaltensregeln für Sportler, Funktionärinnen und Journalisten, sind eine Auflistung von notwendigen Einschränkungen. Auflagen, Verboten, Restriktionen: Sie zerstören all das, was Olympische Spiele einzigartig macht.

Man frage mal nach bei Dirk Nowitzki, der als Basketball-Superstar 2008 in Peking alle deutschen Athletinnen und Athleten feierte, als Fan, voller Spaß an der Freude. Bei Roger Federer, der seine Frau 2000 in Sydney kennenlernte, bei Athleten aus „Randsportarten“, die im Olympischen Dorf vermeintliche Megastars erlebten, und doch war allen immer eines gemein: die Begeisterung für den Sport. Das gilt auch für Fans und Be­obachter.

Absage von Olympia hart für Sportler

Olympia ist die Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern, andere Kulturen, neue Sportarten kennenzulernen. Das alles wird es in diesem Jahr nicht geben. Eine Absage wäre dennoch hart für Athletinnen und Athleten, die sonst so gut wie nie in der Öffentlichkeit stehen, hart im Stillen trainieren und sich seit Jahren intensiv auf diesen einen großen Moment ihrer Karriere vorbereiten.

Noch wollen das IOC und die lokalen Ausrichter die Spiele irgendwie durchziehen. Verträge und Verpflichtungen sind schließlich einzuhalten. Die Kosten einer Absage sind unabsehbar. Möglicherweise wird es allein deshalb Wettkämpfe geben müssen in Tokio. Das IOC wird diese Spiele dann „Olympische“ nennen. Aber sie wären es nicht.

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