Meinung
Leitartikel

Schleswig-Holstein zeigt, wie man mit dem Coronavirus lebt

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Matthias Iken,
stellvertretender
Chefredakteur
des Hamburger
Abendblatts.

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Während Hamburg von Monat zu Monat strenger wurde und einheitliche Regeln fordert, lockert Kiel mit Augenmaß.

Hamburg. Wie sich die Zeiten ändern: Als vor gut einem Jahr Corona Deutschland heimsuchte, erlebte man im Norden zwei verschiedene Handlungsmuster. Während sich die Hansestadt zunächst gegen Schulschließungen stemmte und sich sogar aufgeschlossen gegenüber der Idee der Herdenimmunität zeigte, reagierte man in Kiel hart: Polizisten räumten die Inseln und kontrollieren Spaziergänger an der Landesgrenze, Zweitwohnungsbesitzer wurden verjagt, und die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien dachte laut darüber nach, Abiturprüfungen abzusagen.

Im Norden regierte damals das etwas hysterische Team Vorsicht, in Hamburg eher ein Team Umsicht: Mehr als einmal zeigte man sich hier genervt vom Corona-Sheriff Markus Söder (CSU) aus Bayern. Der „Spiegel“ lud sogar Tschen­tscher und Söder zu einem Streitgespräch zur Corona-Politik ein.

Maskenpflicht im Freien wurde von Experten zerrissen

Auf so eine Idee käme heute niemand mehr, Söder und Tschentscher scheinen ein Herz und eine Seele zu sein – heute würde man als Antipoden Regierungschef Daniel Günther (CDU) laden. Kiel und Hamburg liegen über Kreuz, allerdings unter veränderten Vorzeichen.

Die Maskenpflicht, die in Hamburg inzwischen zeitweise auch an der frischen Luft gilt, wurde gerade von Experten zerrissen: Laut Aerosol-Forschern gibt es im Freien „keinen nennenswerten Einfluss auf das Infektionsgeschehen“.

Hamburg wurde von Monat zu Monat strenger

Mit seiner Ausgangssperre war Hamburg ein Vorreiter für die Regelung des neuen Infektionsschutzgesetzes, bei den Schulschließungen geht die Stadt sogar über die Bundes-Notbremse noch hinaus: Viele Schüler in der Hansestadt haben seit vier Monaten kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen, während die meisten Altersgenossen im Norden zumindest im Wechselunterricht längst die Schule wieder besuchen können.

Während Hamburg von Monat zu Monat strenger wurde und einheitliche Regeln für ganz Deutschland fordert, lockert Kiel – nicht tollkühn, sondern mit Augenmaß. Zwar ist das Virus durch die Mutation ansteckender geworden, zugleich aber wächst das Wissen.

Für den Norden ist der Tourismus von elementarer Wichtigkeit

Und wichtiger noch: Die Impfungen haben schon jetzt dazu geführt, dass trotz steigender Infektionszahlen viel weniger Menschen sterben als in der zweiten Welle. Wenn von Tag zu Tag mehr Risikogruppen geimpft werden, kann man auch von Tag zu Tag etwas mutiger werden. Natürlich handelt Schleswig-Holstein auch im ureigenen Interesse.

Für den Norden ist der Tourismus von elementarer Wichtigkeit: Deshalb wird nun die Außengastronomie wieder erlaubt, deshalb gibt es Modellversuche in der Kultur wie im Sport und vier Modellregionen, die Fremdenverkehr wieder ermöglichen.

Tourismusminister Bernd Buchholz öffnet mit Konzept

Tourismusminister Bernd Buchholz (FDP) öffnet nicht um des Öffnens willen, sondern mit Konzept: Unter wissenschaftlicher Begleitung probiert Schleswig-Holstein aus, was in Pandemiezeiten möglich ist – und was möglicherweise auch nicht. Überall gilt eine Notausstiegsklausel, die Gesundheitsämter beschließen und eben nicht die Fremdenverkehrsdirektoren.

Es ist ein Herantasten, es ist die Politik der kleinen Schritte für eine leidgeprüfte Bevölkerung – und für leidgeprüfte Branchen. Und es ist ein Signal der Freiheit: Niemand, der sich fürchtet, muss sich in ein Straßencafé setzen, aber wer das überschaubare Risiko einzugehen bereit ist, darf es fortan wieder.

Regeln, die die Menschen verstehen, werden eher eingehalten. In Hamburg hingegen haben die übertriebenen Regeln längst das Gegenteil bewirkt: Jogger sind bei schlechtem Wetter an der Elbe ohne Maske unterwegs. Hier droht die Corona-Politik die Bürger zu verlieren.

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