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Warum wir jetzt dringend Sportsgeist brauchen

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Björn Jensen
Björn Jensen Abendblatt Sportredakteur

Björn Jensen Abendblatt Sportredakteur

Foto: Michael Rauhe

Das Eliterennen um die Norm für die Olympischen Sommerspiele wurde in Hamburg abgesagt. Warum dies das falsche Zeichen ist.

Hamburg. Es hätte ein Ereignis mit Signalwirkung sein können. 90 der besten Marathonläuferinnen und -läufer der Welt, die in einem Eliterennen um die Norm für die Olympischen Sommerspiele in Tokio kämpfen. Ein Ereignis, auf das die Sportwelt schaut – und das nun leider nicht, wie ursprünglich geplant, an diesem Sonntag in Hamburg ausgetragen wird, sondern eine Woche später in Enschede in den Niederlanden. Einem Land im Lockdown, dessen Inzidenzwert jenseits der 300 liegt, und das dennoch kalkulierbare Risiken eingeht.

Dass Hamburg dies nicht tut, lag nicht am Hygienekonzept, das Veranstalter Frank Thaleiser vorgelegt hatte; das die Teilnehmenden in eine mehrtägige „Veranstaltungsblase“ gezwungen, die Strecke rund um die Alster von neugierigen Zuschauerblicken abgeschirmt hätte – und deshalb von den Behörden als sicher eingestuft worden war.

Hamburg seit 2018 „Global Active City“

Der Grund für die Absage war, dass man in der aktuellen Lage den Menschen in Hamburg nicht erklären könne, warum einige Dutzend privilegierter Athleten eingeflogen werden, während ganze Branchen seit mehr als einem Jahr brachliegen und der Großteil der Bevölkerung zwischen 21 und 5 Uhr seine Wohnung nicht verlassen darf.

Man kann diese Begründung nachvollziehen und sie gleichzeitig als mutlos empfinden. Eine Stadt, die sich seit Oktober 2018 als eine der ersten weltweit „Global Active City“ nennen darf und diesen Titel bei jeder Gelegenheit mit Inbrunst propagiert, sollte sich zutrauen, als Vorreiter voranzugehen, auch wenn viele zweifeln. So, wie es im Herbst vergangenen Jahres geschah, als im Stadtpark die besten Triathletinnen und Triathleten der Welt um WM-Ehren kämpften und am Rothenbaum ein Herrentennisturnier sogar vor Zuschauern stattfinden konnte. Damals blickte die Sportwelt mit großem Respekt auf Hamburg.

Politik-Bashing wäre verkehrt

Geblieben ist davon im Frühjahr 2021 wenig. Dass Hamburg als letztes der 16 Bundesländer erst im März und damit ein Jahr nach Beginn der Pandemie seinen Landes­kaderathleten die Rückkehr in den Trainingsbetrieb erlaubte, war ebenso unverständlich wie der Fakt, dass über Monate selbst Ehepaare zum Tennisspielen in die angrenzenden Bundesländer ausweichen mussten, weil Hamburg die Hallen geschlossen hielt.

Es wäre indes vollkommen verkehrt, nun zum derzeit so beliebten Politik-Bashing auszuholen. Die „Global Active City“ sollte schließlich keine von oben verordnete PR-Maßnahme sein, sondern von allen Bürgerinnen und Bürgern getragen werden, was leider noch viel zu selten passiert. Aktivität beschränkt sich auch nicht auf sportliche Betätigung, sondern schließt jegliches Agieren und auch das Gestalten von Zukunftsprojekten ein. Und da sind wir alle gefordert, endlich mit dem Sportsgeist, den eine „Global Active City“ ausstrahlen sollte, in die kommenden Wochen zu starten.

Regeln akzeptieren und kreative Lösungen finden

Dazu gehört in erster Linie, sinnvolle Regeln zu akzeptieren und die, die sie aufstellen und deren Einhaltung überwachen, nicht ständig zu kritisieren. Dazu gehört aber auch, sich um kreative Lösungen zu bemühen und diejenigen in Sport, Kultur oder Gastronomie, die sie mit guten und sicheren Konzepten umzusetzen versuchen, zu belohnen, anstatt mit nicht erklärbaren Vorschriften zu drangsalieren.

Zum sportlichen Fairplay zählt auch, Leistungen anderer anzuerkennen und denen, die sie erbringen – ob dank eigenen Zutuns oder auch nur, weil sie wie beim Impfen zu einer bevorzugten Gruppe zählen –, den Erfolg zu gönnen, anstatt ihn zu neiden. Kurz: Hamburg sollte eine Stadt sein wollen, in der gemeinsam mit Mut und Zuversicht alles dafür getan wird, die eine Lösung zu finden und nicht zehn neue Ausreden, warum etwas nicht möglich ist.

Coronavirus: letzte Kilometer eines Marathonlaufs

Der Kampf gegen das Coronavirus wird in diesen Tagen immer wieder mit den letzten Kilometern eines Marathonlaufs verglichen. Das ist in zweierlei Hinsicht ein schiefes Bild. Zum einen, weil es nicht die letzten der 42,195 Kilometer sind, die am ärgsten schmerzen, sondern die Mitte der 30er. Zum anderen, weil man im Marathon meist allein kämpft. Die letzte Etappe im Kampf gegen Corona werden wir aber gemeinsam erfolgreich meistern, wenn wir den dafür nötigen Sportsgeist beweisen.

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