Meinung
Leitartikel

Inzidenz steigt rasant: Ausgangssperre jetzt!

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Insa Gall leitet das Hamburg-Ressort des Abendblatts.

Insa Gall leitet das Hamburg-Ressort des Abendblatts.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Hamburger Senat muss angesichts dramatisch steigender Coronazahlen rasch handeln. Wir brauchen einen kurzen, harten Schnitt.

Das Ärgerliche an der verpatzten „Osterruhe“ ist nicht so sehr, dass die Politik mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an der Spitze einen Fehler eingestehen musste. Das kann passieren, auch wenn es das nicht sollte. Das Ärgerliche ist, dass der Vorschlag und seine Rücknahme inklusive aller Turbulenzen die deutsche Politik zwei, drei Tage lang vollends beschäftigt und blockiert hat. Der massive Handlungsbedarf, der die Bund-Länder-Runde Anfang vergangener Woche zu dieser drastischen Idee veranlasste, bleibt bestehen. Mehr noch: Die weiter steigenden Infektionszahlen haben ihn noch einmal deutlich verschärft. Passiert ist allerdings bisher wenig bis gar nichts – vom eindringlichen Appell des Hamburger Bürgermeisters Peter Tschentscher (SPD), über Ostern möglichst zu Hause zu bleiben, einmal abgesehen.

Wie rasant die Fallzahlen davongaloppieren, zeigt sich in Hamburg: Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg allein seit Freitag von 136,1 registrierten Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen auf 148,4 am Sonntag. Am Sonntag vor einer Woche hatte die Inzidenz noch bei 114 gelegen.

Notfalls muss Hamburg allein handeln

Dieser Anstieg ist dramatisch – setzt er sich so fort wie bisher, dürfte Hamburg in absehbarer Zeit die Marke von 200 überschreiten. Zum Vergleich: Der bisher höchste Wert während der gesamten mehr als ein Jahr währenden Coronapandemie wurde Heiligabend 2020 mit einer Inzidenz von 179,6 gemessen. Wenn bundesweit die Kraft zu einer einheitlichen Regelung fehlt und es nicht zügig zu einer neuen Ministerpräsidentenkonferenz kommt, muss Hamburg allein handeln.

Wir alle sind der Pandemie und der Beschränkungen müde, können die Entwicklung aber nicht einfach so laufen lassen. Deshalb brauchen wir jetzt in Hamburg einen (möglichst) kurzen, harten Schnitt. So sollte der rot-grüne Senat möglichst rasch eine zeitlich befristete Ausgangssperre ab 21 Uhr beschließen. Wer dann noch guten Grund hat, unterwegs zu sein, weil er beispielsweise von der Arbeit kommt, bleibt davon ausgenommen. Aber die Jugendlichen, die am späten Abend immer noch auf der Straße zu sehen sind, müssten zu Hause bleiben. Und private Treffen am Abend – und sei es nur im kleinen Kreis – wären für eine gewisse Zeit nicht mehr möglich. Landkreise in Niedersachsen haben damit gute Erfahrungen gemacht. In der Grafschaft Bentheim und im Kreis Gifhorn beispielsweise sanken die Inzidenzen deutlich.

Jetzt ist es Zeit für ein entschlossenes Handeln

Gewiss: Eine Ausgangssperre ist ein sehr schwerer Eingriff in unsere Freiheit. Abendliche Verwandtenbesuche – auch über Ostern – wären dann nicht nur unerwünscht, sondern angesichts der Ausgangssperre auch verboten.

Schon jetzt lässt sich voraussehen, wie Querdenker und andere Corona-Skeptiker dagegen auf die Barrikaden gehen werden, um ihr Recht auf Freiheit zu verteidigen. Ihnen sei gesagt: Es gibt auch einen Anspruch auf die bestmögliche medizinische Versorgung, darauf, dass die Ärzte alles Menschenmögliche unternehmen, um unser Leben zu retten, sollten wir an Corona erkranken und auf der Intensivstation landen. Dieses Recht würden auch all diejenigen für sich einfordern, die heute noch dicht an dicht und ohne Maske auf der Straße für ihre Freiheit demonstrieren. Steigen die Infektionszahlen aber so weiter wie zuletzt, dürften sich die Intensivstationen auch in Hamburg bedrohlich füllen.

Das Für und Wider der Debatte, das Gegeneinander von Befürwortern und Gegnern scharfer Maßnahmen hat dazu geführt, dass in der Vergangenheit meist ein halbherziger Mittelweg eingeschlagen wurde. Jetzt ist es Zeit für ein entschlossenes Handeln.

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