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EM: Uefa schießt mit Anlauf das nächste Eigentor

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Kai Schiller ist Chefreporter Sport beim Hamburger Abendblatt.

Kai Schiller ist Chefreporter Sport beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Marcelo Hernandez

Präsident Ceferin will trotz steigender Corona-Zahlen in ganz Europa darauf pochen, eine EM mit vollen Stadien durchzusetzen.

Hamburg. Man stelle sich bitte folgendes Szenario vor: In Deutschland schnellen die Corona-Fälle wieder nach oben, Italien beschließt den erneuten Lockdown, Ungarn kommt bei Inzidenzwerten jenseits der 600er-Marke mit dem Zählen gar nicht mehr nach, und ganz Europa diskutiert den Impfstopp von AstraZeneca.

Und was macht in so einer Situation der Präsident des europäischen Fußball-Verbandes Uefa? Er fordert, dass das paneuropäische Fußballturnier trotzdem stattfinden müsse. In zwölf Ländern. In knapp drei Monaten. Und natürlich und vor allem mit Zuschauern. Kann nicht sein? Ist aber so!

Ceferin: Kein EM-Spiel ohne Fans

In kroatischen Zeitungen hatte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin ernsthaft gesagt, dass jeder Ausrichter garantieren müsse, dass Fans zu den Spielen dürften: „Wir haben mehrere Szenarien“, sagte Ceferin. „Aber die Option, dass irgendein Spiel der EM ohne Fans ausgetragen wird, ist vom Tisch.“

Es dauerte knapp zwei Tage, ehe auch die Medienabteilung der Uefa auffiel, welches Eigentor ihr Präsident da geschossen hatte. Natürlich werde keine Stadt kategorisch ausgeschlossen, wenn sie ohne Fans spielen lassen müsste, versicherte die Uefa am Mittwoch. Aber es müsse sehr wohl entschieden werden, ob es nicht vielleicht „mehr Sinn“ mache, die Spiele an andere Standorte zu verlegen. Kann nicht sein? Ist aber so!

Was man sich plötzlich von der Uefa wünscht

Tatsächlich soll die Euro 2020 auch 2021 in zwölf unterschiedlichen Städten stattfinden, von denen – Stand jetzt – keine einzige Metropole ein Stadionerlebnis mit Zuschauern garantieren kann. Im Gegenteil. München, Amsterdam, Baku, Bilbao, Budapest, Bukarest, Dublin, Glasgow, Kopenhagen, Rom, St. Petersburg und London haben zum jetzigen Zeitpunkt nur eines gemeinsam: Fußballspiele in vollen Stadien hat es hier schon lange nicht mehr gegeben.

Angesichts dieser hanebüchenen Aussagen würde man sich fast wünschen, dass sich die Uefa wieder auf das beschränkt, was sie am besten kann: sich sinnlose Wettbewerbe wie die Nations League auszudenken oder mal wieder ohne Sinn und Verstand die Champions League zu reformieren.

Und siehe da: In der nächsten Saison startet die Europa Conference League – und die Champions League soll zukünftig in Zehnergruppen gespielt werden. Mehr Spiele, mehr Termine, mehr Geld, weniger Sinn. Kann alles nicht sein? Ist aber so!

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