Meinung
Deutschstunde

Eine Pfründe gilt als müheloses Einkommen

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt an jedem
Dienstag über
die Tücken
der deutschen
Sprache.

Der Autor schreibt an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache.

Und das nicht nur für Bundestagsabgeordnete. Das war früher anders. Doch die Schwierigkeit der Grammatik liegt im Plural.

Hamburg. Ich werde darauf aufmerksam gemacht, dass ein bekannter Berliner Kollege eines anderen Verlags wieder einmal an der Mehrzahlbildung der Pfründe gescheitert ist. Es ist in unserem Beruf nicht üblich, die Grammatikfehler in fremden Zeitungen aufzuspießen. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, lästern dann die informierten Leser. Ich will es zurückhaltender ausdrücken: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Keine Tageszeitung ist fehlerfrei, auch die eigene nicht.

Doch unabhängig von der Fundstelle handelt es sich bei dem gesuchten Plural um einen häufigen Fehler. Nehmen wir den folgenden Satz: Die vielen „Pfründe“ und Zuwendungen der Bundestagsabgeordneten bessern deren Diäten erheblich auf. Lassen wir den politischen Inhalt des Satzes sowie die Anspielung auf die Masken-Affäre der Union weg und wenden uns der Grammatik zu.

Mittelhochdeutsche Form lautete pfrüende

Natürlich hätte es heißen müssen: die vielen „Pfründen“. Die „Pfründe“ ist Singular, Einzahl, und der Plural, die Mehrzahl, lautet die „Pfründen“. Wir kennen das analog bei den Beispielen die Hürde, die Hürden, oder die Würde, die Würden.

Die Pfründe ist ursprünglich die Bezeichnung für ein mit Einkünften verbundenes Kirchenamt, das schon im Mittelalter überaus begehrt war, wobei es sich um das Lehen („geliehener“ Besitz) eines Fürstbistums oder nur um eine Landpfarrei handeln konnte.

Die mittelhochdeutsche Form lautete pfrüende (Kirchenamt mit Einkünften; Unterhalt; Nahrung, Lebensmittel) und war von lat. providere (versorgen) abgeleitet. Da katholische Geistliche wegen des Zölibats (Ehelosigkeit) keine legalen Erben haben durften, ließ sich mit solchen Pfründen jahrhundertelang Kirchenpolitik betreiben.

Karge Versorgung der früheren Dorflehrer

Doch seit Luther waren auch die evangelischen Pastoren, zumal auf dem Dorf, auf bestimmte Pfründen angewiesen. Wahrscheinlich kennen Sie die Szene aus dem Film „Die Heiden von Kummerow“, in der der Dorfpastor von jedem zu konfirmierenden Kind eine möglichst fette Gans erhält und dann seinen Segen nicht nach dem Glauben, sondern nach dem Gewicht des Federviehs abstuft.

Da ich gerade in die Vergangenheit schweife, möchte ich noch einen Blick auf die karge Versorgung der früheren Dorflehrer werfen, bei denen es nicht um Pfründen, sondern ums Überleben ging. So ein Schulmeister durfte ein Stück Land bestellen, das karg und unfruchtbar war. Ich habe auf der aufgelassenen Schulmeisterkoppel unseres Dorfes gebaut – reiner Lehmboden, in dem bei Regen der Hund mit den Pfoten stecken bleibt und der bei Trockenheit hart wie Beton ist.

Häufig musste der Dorflehrer nicht nur die Kirchenorgel spielen, sondern auch die Schweine zur Eichelmast in den Wald treiben. Sonntags durfte er reihum bei den reichen Bauern zu Mittag essen; „Wandeldisch“ nannte man diese demütigende Beköstigung. Immerhin lautete das Sprichwort: ’n goden Bullen un ’n goden Schoolmeester is veel weert för ’n Dörp. Man beachte die Reihenfolge: erst der Bulle, dann der Lehrer – aber immerhin der erste Ansatz dörflicher Bildungspolitik.

Die Kirche hat kaum noch Pfründen zu vergeben

Heute ist es umgekehrt. Die Kirche muss sparen und hat kaum noch Pfründen zu vergeben, während die Lehrer nicht mehr zu verhungern drohen. Im übertragenen Gebrauch wird „Pfründe“ deshalb jetzt im Sinne von „gute Einnahmequelle“ verwendet.

Zurück zum Plural. Während im Englischen und Französischen der Plural, von wenigen Sonderfällen abgesehen, durch einfaches Anhängen eines -s an den Singular gebildet wird (the house/the houses bzw. la maison/les maisons), haben wir es im Deutschen mit vielen unterschiedlichen Pluralformen zu tun, wobei Lehn-, Fremd- und Fachwörter noch nicht einmal mitgezählt sind.

Teilweise erscheint der Stammvokal umgelautet (der Boden/die Böden), und ab und zu reicht der Umlaut allein nicht aus, um die Mehrzahl zu verdeutlichen, sodass noch die Endung -er zu Hilfe genommen werden muss (das Bad/die Bäder). Manchmal begnügt man sich mit einem einfachen -e (der Berg/die Berge), mit einem -en (die Bahn/die Bahnen) oder einem -ten (der Bau/die Bauten) – eine Vielfalt, die für Ausländer kaum zu meistern ist.

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